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Christian Probst

Bern, Schweiz
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Monsters

Erstellt von: christian
Erstellungsdatum: 24-März-2006 23:00
Status: Freigegeben
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"Monsters cannot be announced. One cannot say: 'here are our monsters', without immediately turning the monsters into pets."

Jacques Derrida, "Some Statements and Truisms about Neologisms, Newisms, Postisms, Parasitisms, and other small Seismisms"

Eine interessante Erweiterung der Theatertheorie bieten die Amerikanischen Ansätze.
Hier erst einmal vertreten durch einen Deutschen: Samuel Weber

"Das Wichtige am Theatralischen ist die Darstellung für einen Anderen, für Andere, die sich nie erschöpfend identifizieren lassen. Es gibt zwar Zuschauer in einem Raum, aber diese Zuschauer erschöpfen nie die Funktion des Adressaten."

Samuel Weber
Vor Ort
Theater im Zeitalter der Medien


(Auszug)
(...) Aber auch in einem ganz anderen Bereich, der mir allerdings näher liegt, gibt es eine lange Geschichte von Experimentieren, das gerade den überlieferten Wissenstand befragt und verändert. Ich denke da an die Literatur: nicht an die Literatur als Gegenstand einer "Wissenschaft", sondern als Texte die gelesen werden müssen. Diese Lektüre unterscheidet sich radikal von der Erzeugung einer Erkenntnis, sofern Erkenntnis als zeitlos und selbstgleich verstanden wird. Ein Gedicht zu lesen, ein Theaterstück zu erleben, bedeutet gerade nicht, sie ein für allemal zu erkennen. Es bedeutet vielmehr, sie in ihrer spezifischen Medialität zu erleben, was Denken zwar einschließt, wenngleich nicht einfach oder ausschließlich als Erkenntnis. Was der Literatur als performatives Medium von anderen Verwendungen der Sprache unterscheidet, ist die Art und Weise, wie sie über das hinausreicht, was man "normalerweise" erwartet oder intendiert - also über die Einstellungen des Selbstbewußtseins hinaus. Aber dieses "Hinausgehen" muß zugleich ein Dahintergehen sein, soll sie nicht einfach in Effekthascherei ausarten. Ein erfolgreiches Experiment verlangt eine genaue Analyse der bestehenden Machtsituation innerhalb des Wissensgefüges und muß also sehr sorgfältig vorbereitet werden. Man kann das Wissen nur wirksam "von innen" in Frage stellen, nicht einfach dadurch, daß man es von Außen negiert. Und insofern als die Medien, und vor allem ihrer institutionelle und ideologische Ausrichtung heute, auf eine sehr traditionelle Weise den Wert der "Unmittelbarkeit" betonen (wenngleich auf recht paradoxer Art), wirken sie gegen solche Infragestellen und für die etablierte Ordnung. Auf der Medialität im "theoretischen" Bereich bedacht zu bleiben bedeutet, die Besonderheiten des sprachlichen Mediums nie ganz aus den Augen zu verlieren oder als selbstverständlich zu erachten. Es gibt also ein gravierender Unterschied zwischen Denkern, die die "Rhetorizität" ihres Denkens als sprachliches ständig mithineinkalkulieren--Nietzsche, Derrida, de Man, Lacan, Freud --und andere, für die "der Diskurs" zwar thematisiert wird, aber nicht praktisch gehandhabt werden beim eigenen Schreiben. Sammelbegriffe wie "Postmoderne" und sogar "Poststrukturalismus" wirken in dieser Hinsicht eher mystifizierend, sofern sie gerade von solchen performativ-medialen Momenten eher ablenken als sie berücksichtigen. Weber: Parallel, oder sogar alternativ dazu würde ich einen Text "La carte postale" von Derrida erwähnen, wo er eben die Situation dieser Identitätsverunsicherung als konstitutiv für das Schreiben selbst und für die Anrede beschreibt. Ähnliches findet sich schon bei Kierkegaard am Schluß seiner Schrift über "Die Wiederholung", wo er bzw. seine Persona sagt: "Ich rede jetzt den Leser an, wir sind unter uns." - Heute denkt man bei solchen Wendungen zwar an Derrida, aber vermutlich hat Derrida das eher von Kierkegaard . Diese Inszenierung der Singularität im Schreibprozeß, oder allgemeiner, im Medienprozeß, als aporetisch aber zugleich konstitutiv, scheint mir sehr wichtig zu sein. In der Hinsicht habe ich in letzter Zeit auch sehr viel gearbeitet über Momente der Theatralisierung in bezug auf Medien. Ich finde das interessant, weil man sich das Theater normalerweise als eines der alten Medien denken würde. Aber ich frage mich, ob nicht im alten Medium des Theaters etwas wirksam ist, was auch und vielleicht gerade für die neuen Medien sehr wichtig ist - man denke z.B. an die gestrige Ausführung Victor Burgin über Jenny's Zimmer, wo man auch eine sehr interessante theatralisierte mediale Situation findet. - Das Wichtige am Theatralischen ist die Darstellung für einen Anderen, für Andere, die sich nie erschöpfend identifizieren lassen. Es gibt zwar Zuschauer in einem Raum, aber diese Zuschauer erschöpfen nie die Funktion des Adressaten. 


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