"Mordmaschine Geschichte"
Heiner Müllers Beschäftigung mit antiken Stoffen zielte stets auf Erhellung seiner Gegenwart: der Widersprüche im real existierenden Sozialismus. Aber man gebe sich nicht der Illusion hin, nach 1989 sei «Philoktet» - das Stiick über die Macht des Kollektivs, der keiner entkommt - auch auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen.
brw. So bleibt er in Erinnerung: an der Zigarre nuckelnd und am Whiskyglas nippend, hinter der zeitlos hässlichen Hornbrille listig funkelnde Augen voller Schalk verbergend. Heiner Müller ist seit über einem Jahr tot und auf dem besten Weg dorthin unterwegs, wo Max Frisch einst hellsichtig die «durchschlagende Wirkungslosigkeit eines Klassikers» ortete. Aber gerade der postum zum gesamtdeutschen Dichterfürsten beförderte Müller verdient heute eine kritische Auseinandersetzung mit seinem drarnatischen Werk. Das im vergangenen Jahr gegründete elch Theater - ein Schulterschluss von Absolventen der hiesigen Schauspielschule und ehemaligen Mitgliedern des Berner Studentlnnentheaters (BeST) - ist entschlossen, Müller den Weg auf den Denkmalsockel vorerst zu versperren, und stellt mit «Philoktet» seine erste Produktion vor.
Das Stück entstand in den Jahren 1958 bis 1964 unter dem Eindruck der Enthüllung von Stalins Verbrechen, der Niederschlagung des Ungarnaufstandes 1956 und dem Bau des «antifaschistischen Schutzwalles» 1961 und kann als Zeugnis eines einst überzeugten Marxisten gelesen werden, der zum Projekt «klassenlose Gesellschaft» auf immer skeptischere Distanz ging, Der vom Kommunismus verheissene endgültige Ausstieg aus der «Mordmaschine Geschichte» wurde nicht eingelöst. Mit, barbarischen Mitteln verfolgte man scheinbar humane Ziele. Auch davon handelt «Philoktet».
Eine ambitionierte Einstandsinszenierung, für die sich Regisseur Christian Probst entschieden hat. «weil in diesem Stück radikal die Frage nach dem Verhältnis individueller und kollektiver Verantwortung durchgespielt wird». Müller hat den Plot von Sophokles an entscheidenden Stellen verändert. Odysseus kehrt mit seinem Begleiter Neoptolemos auf die Insel Lernnos zurück. um den Bogenschützen Philoktet nach Troja zu holen. Das Pikante an der Mission: Ebendieser Odysseus hatte zehn Jahre zuvor die Aussetzung des Philoktet befohlen. weit dessen stinkende Wunde am Fuss und die Schrnerzensschreie die griechischen Truppen zu verunsichern drohten.
Der Autor bringt die Situation auf den Punkt: «Philoktet hasst Odysseus. Aber Odysseus erkennt, dass Philoktet gebraucht wird, um den Kampf um Troja zu beenden. Er bittet Neoptolemos, Philoktet zum Mitmachen zu überzeugen. Neoptolemos will nicht lügen und erzählt Philoktet, dass er von Odysseus beauftragt wurde. Philoktet rnissversteht die Motive des Neoptolemos, und die Aussicht auf ein Agreement zwischen Philoktet und Odysseus schwindet.»
Während Sophokles mit Herakles noch den notorischen deux ex machina auf einer Wolke erscheinen liess, um den uneinsichtigen Philoktet zur Annahme seines Schicksals zu bewegen, verzichtet Müller als Kind der entgötterten Weit auf diesen Wink einer höheren Ordnungsmacht. Dem durch das Stahlbad der Aufklärung gegangenen Menschen werden keine Entscheidungen mehr abgenommen. So wird Odysseus bei Müller gleichsam zu seinem eigenen Gott und gebiert die rettende Idee, um den Auftrag doch noch zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.
Die Inszenierung des elch theaters stellt zwar den Text ins Zentrum, sprengt jedoch gezielt die Grenzen des traditionellen Sprechtheaters. Die Mitwirkung zweier Musiker mit diametral gegensätzlichem musikalischem Hintergrund sorgt für eine zusätzliche Dimension des Erlebens. Perkussionsinstrumente aus Burkina Faso und avantgardistischer Industrial-Sound schaffen Kontraste und setzen Aktzente. Eine spannende Ausgangslage.
DIE VORSTELLUNGEN Altes Schlachthaus, 22./24./25./27 März und 2. bis 5. April, je 20.30 Uhr.
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