Gesehen: Seine Wunde eitert noch
Weil ihn eine Schlange biss, bekam er eine Wunde. Die stank, er schrie, so setzten ihn seine Kameraden auf Befehl von Odysseus auf einer steinigen Insel aus. Hier lebte Philoktet zehn Jahre lang von Wurzeln und Beeren. Der Trojanische Krieg ging weiter. Bis ein Orakel den Griechen sagte: Mit dem Bogen des Herakles könntet ihr den Krieg beenden. Da schlug sich Odysseus auf die Stirn, denn wer hatte den berühmten Bogen? Philoktet mit seiner Stinkwunde auf der steinigen Insel.
Von alledem handelt das Stück «Philoktet» des 1995 verstorbenen deutschen Dramatikers Heiner Müller nicht. Müller setzt ein, wie vor ihm schon Sophokles, bei der Ankunft der beiden griechischen Gesandten Odysseus und Neoptolemos auf der Insel. Philoktet ist immer noch wütend, dass man ihn damals zurückliess. Odysseus will nur den Bogen. Der junge Neoptolemos gerät zwischen die beiden und schwankt mit seinen Gefühlen mal dahin, mal dorthin.
Der alte Grieche Sophokles zeigte mit seinem Drama, wie Neoptolemos zwischen Mitgefühl für Philoktet und der Staatspflicht, den Bogen zu,erschleichen, zerrissen war. Der Ostdeutsche Heiner Müller zeigte mit seiner Version, wie Neoptolemos zwischen dem Widerstand gegen das System (Philoktet) und dem lügenhatten Anpassertum des Machtmenschen Odysseus schwankte. Die neugegründete Berner Theatertruppe «elch theater» macht in ihrer ausdrucksstarken Interpretation des Stoffes Philoktets Wunde zum Zentrum der Handlung.
Das überzeugt. Der Schauspieler Gerhard Goebel legt auf die karg gehaltene Lehmbühne einen Philoktet hin, der entsetzlich an der Gesellschaft leidet. Den kranken Fuss mit schwarzen Lappen umwunden, seinen Bogen zur Krücke umfunktioniert, streckt er die eiternde Schrecklichkeit anklagend und entschuldigend den ihn bedrängenden Griechen entgegen. Ihm können Lügen und Schmeicheleien nichts anhaben. Sein Schmerz ist sein Schutz. Sie müssen ihn umbringen, und er bleibt doch der moralische Sieger.
Gut gebrüllt, «elch». Diese Sichtweise bringt einen fiebrig-eitrigen Pulsschlag in Heiner Müllers kopflastiges Lehrstück.
Ewa Hess
|