theaterelch

Christian Probst

Bern, Schweiz
Kontakt: info@theaterelch.ch


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Berner Zeitung - 9.11.2002

The very Best of Scheusslichkeiten

Die Geschichte unseres Gesellschaftssystems in hundert Minuten? Das Theater Elch will mit «Habgier» viel zu viel.

Elio Pellin

Mit einem einjährigen Baby, gut und reichlich gestillt, hat man einen Fleischvorrat für vier Essen alleine oder zwei mit Gästen. Und es soll recht gut schmecken, dieses Babyfleisch. Es ist ein einsamer Höhepunkt der Scheusslichkeiten, wenn Andreas Debatin im Stück «Habgier» zynisch die Rechnung anstellt, dass von 120 000 Babys nur 20 000 für die Zucht benötigt werden und 100 000 als Frischfleisch verkauft werden könnten. Für «Habgier. Ein Universaltheater der Niedertracht» haben Christian Probst und Michael Oberer von Theater Elch zusammengetragen, was es an fiesen Staats- und Gesellschaftstheorien so gibt. «Unser Ziel ist nichts mehr und nichts weniger, als mit einer theatralischen Collage aus politischen, literarischen, philosophischen und wirtschaftlichen Texten die Geschichte unseres Gesellschaftssystems zu erzählen», schreiben Probst und Oberer auf www. theaterelch.ch. Nun, das ist gründlich misslungen. «Habgier» bricht schon in den ersten Minuten unter der Last der Geschichte zusammen und kommt in den ganzen hundert Minuten Spielzeit nicht mehr auf die Beine.

Soundperformance

Die drei Schauspieler Andreas Debatin, Thomas U. Hostettler und Alexander Muheim, alle mit schwarzer Hose und weissem Hemd, werfen mehr oder minder haarsträubende Zitate zu einem Best of Scheusslichkeiten aus der Staats- und Wirtschaftsgeschichte zusammen. Da passt der Futurist Marinetti hinein wie der Autokönig Henry Ford und der Produktionsoptimierer Taylor. Was sie mit diesen Texten anstellen sollen, das scheint den drei Darstellern nicht ganz klar zu sein. Viel mehr als nachdrückliches Deklamieren, ab und zu ein kumpelhaftes Lachen bleibt ihnen nicht. Doch, einmal nimmt Andreas Debatin die Gitarre und singt Mandevilles Bienenfabel. Das ist recht hübsch. Sonst passiert auf der improvisierten Bühne im Worber Metallgarten wenig Dringliches.

Vor dem Hochregal mit schönem Industrieschrott, alten Computern, Flugzeugteilen und Karussellresten, beleuchtet von Kerzen und summenden Gasscheinwerfern, bauen Debatin, Hostettler und Muheim nach und nach das Equipment für die zum Schluss eingreifenden Soundperformer von Herpes Ö DeLuxe auf.

Dazu rühren sie ein Birchermüesli von Texten an: Grässliches, Abstruses, Groteskes, Hirnverbranntes. Aber alles strukturlos zu einem pseudokritischen Pamp vermanscht. Hobbes‘ «Leviathan» hört man heraus, Smiths Idee der «unsichtbaren Hand», Benthams Konzept der umfassenden Gefangenenerniedrigung vielleicht noch. Dann einen Schnitz Darwin und eine Prise Friedman. Und doch hat man damit erst einen kleinen Teil der 29 Textlieferanten geortet.

Freakshow

Sämtliche Zusammenhänge bleiben damit im Dunkeln, ja es lässt sich nicht einmal ausmachen, welche Texte wirklich so gemeint sind, wie sie aus dem Zusammenhang gerissen wirken. Bei Autoren wie Swift, Huxley oder Brecht könnte man durchaus annehmen, dass sie karikierte Kunstfiguren so niederträchtig und habgierig sprechen lassen. Aber wer wollte das alles nachprüfen? Ändern würde es nichts daran, dass «Habgier» nicht mehr und nicht weniger ist als eine überambitionierte Freakshow.

Weitere Vorstellungen: Bis 10. 11., jeweils 20 Uhr, Metallgarten Worb.


· Habgier

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