theaterelch

Christian Probst

Bern, Schweiz
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Blick - 15.10.2001

Seelenqual im Kirchenschiff

VON WALO VON FELLENBERG

BERN - »Gier» war das letzte Stück, das Sarah Kane vor ihrem frühen Tod schrieb. Das theater elch, führt es in einer beeindruckenden Inszenierung im Berner Münster auf. Am Freitag war Premiere.

Ein christliches Stück ist «Gier» nicht gerade. trotzdem erweist sich das Kirchenschiff des Berner Münsters als passender Rahmen.- Es wirkt wie ein dunkles Gefängnis.

Die Engländerin Sarah Kane (1971 - 1999) beging mit 28 Jahren Selbstmord. Seither gilt sie auch im deutschsprachigen Raum als eine der bedeutendsten Dramatikeninnen der Gegenwart. Ihr Stück «Gier» kreist, ausgehend vom Wunsch zu sterben, um das Nichts, die Leere, die Sinnlosigkeit.

Sarah Kane stammt aus evangelischem Milieu, kehrte aber der christlichen Welt voller Schmerz den Rücken. Entsprechend ist die Bestuhlung im Münster so eingerichtet, dass das Publikum der Pracht des Chors den Rücken zudreht. Es sitzt auf einer behelfsmässig eingebauten Tribüne auf Kanzelhöhe, mit Blick gegen das im Dunkel verschwindenden Eingangsportal.

Vier riesige Blöcke von Kirchenbänken starren einem entgegen, darauf sitzen vier Schauspieler. Sie sprechen Texte über die Liebe und den Tod, die Sehnsucht nach Nähe und Einsamkeit, nach Tod und Erlösung.

Regisseur Michael Oberer ist ein Meister im Führen dieser Stimmen. Sie flehen das Publikum um Gehör an und werden zugleich immer gieriger, immer verzweifelter, immer böser.

Es fallen schockierende Sätze über die Vergewaltigung des Kindes und den Wunsch, selber vergewaltigt zu werden. Jedes Wort trifft wie ein Messerstich. Der hohe, leere und widerhallende Kirchenraum wird zur Kathedrale des sexuellen Elends, ohne Hoffnung auf Erlösung. Am Ende folgt dann eine Art Hymne an das Licht, das vielleicht auf ein Jenseits verweist.

Diese Inszenierung zeigt nicht nur die bekannte Seite von Sarah Kane, ihre Depression, Labilität und die Paranoia. Sie zeigt auch ihr Scheitern am christlichen Glauben. Das ist neu und beeindruckend. Das Publikum spendet erst, verhalten, dann immer stärker anschwellenden Applaus.

«Gier» von Sarah Kane im Berner Munster. Nachste Vorstellung: Mittwoch.


· Gier

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