Spitzfindigkeiten
kkb. Als Ödön von Horváth 1937 eine Jugend ohne Gott beschreiben wollte,
reichte ihm ein Blick aus dem Fenster, um den Stoff für seinen Roman vor Augen
zu haben. Was er sah, waren die Aufmärsche der Scharen von trunkenen,
begeisterten Nazianhängern, der «Divisionen der Charakterlosen unter dem
Kommando von Idioten». «Jugend ohne Gott» wurde eine Gesellschaftsanalyse
in Form eines Bilderbogens, dessen alltägliche Konstellationen eine Wendung
ins Satirische nehmen.
Wenn die Mitglieder des Berner StudentInnen Theaters heute einen Blick aus
dem Fenster werfen, muss ihnen eine andere Jugend ohne Gott begegnen. Doch
welche? Dies wurde aus ihrer Inszenierung des Horváthschen Werkes nicht klar.
Die Freude am Spiel, die der Truppe durchwegs anzumerken war, verdeckte die
Spur eines Anliegens, welcher der Zuschauer hätte folgen können.
Lose werden die Dialogszenen aus Horváths «Jugend ohne Gott»
aneinandergereiht und durch anatomische Szenen aus dessen «Glaube, Liebe,
Hoffnung» ergänzt, denn schliesslich findet die Aufführung im frisch renovierten
Anatomischen Institut statt.
Dass der Regisseur Christian Probst auf solche spitzfindigen Einfälle nicht
verzichtet hat, ist schade, denn er entwickelt in seiner Bearbeitung von «Jugend
ohne Gott» genug gute Ideen, die dem Horváthschen Roman dramaturgisches
Profil verleihen. So ist vor allem die Eingangsszene gelungen, die den Zuschauer
spielerisch an den Ort des Geschehens führt.
|