Ambitionierte Erstproduktion
Theaterszene Bern / «Philoktet» von Heiner Müller im Alten Schlachthaus in der Regie von Christian Probst
smb. Die freie Theatergruppe «elch theater», gegründet von Absolventen der Schauspielschule Bern und Theaterschaffenden des «Berner StudentInnentheaters», hat unter der Regie von Christian Probst mit Heiner Müllers «Philoktet» eine ehrgeizige Stückwahl für seine erste Produktion getroffen.
Wie schon bei Sophokles landen auch bei Heiner Müller Odysseus und Neoptolemos auf der Insel Lemnos, um den wegen seiner Fusswunde vor zehn Jahren im Stich gelassenen Bogenschützen Philoktet jetzt, da man seinen wundersamen Bogen braucht, nach Troja zurückzuholen. Neoptolemos erträgt die Lügen, die er Philoktet erzählen muss, aber selbst nicht und gesteht ihm, wer sein Auftraggeber ist: Odysseus eben, auf dessen Geheiss Philoktet einst zurückgelassen worden war. Während bei Sophokles schliesslich Herakles als «deus ex machina» eingreift und Philoktet zum Einlenken bringt, lässt Müller statt dessen Neoptolemos zum gelehrigen Schüler Odysseus' werden, der Philoktet schliesslich umbringt.
Heiner Müllers Text ist nicht einfach zu verstehen und bedürfte einer Inszenierung, die mit Hilfe dramatischer Elemente das Textverständnis erleichtern würde. Eine Anforderung, der das «elch theater» (noch) nicht gewachsen war - für viele Zuschauer und Zuschauerinnen ist offensichtlich die Handlung bis zum Schluss nicht nachvollziehbar geworden. Ein wichtiges und interessantes Element der Inszenierung ist die Musik: Perkussionsinstrumente (Sibiri Baro) und Analog-Synthesizer (Mike Reber) ergänzen, unterstützenund kontrastieren das Geschehen auf der Bühne, nur manchmal leider mit solcher Lautstärke, dass der Text auch akustisch unverständlich wird.
Schade, dass die Theatergruppe ausgerechnet für ihre erste Produktion ein so schwieriges Stück gewählt hat - ein einfacherer Text hätte vielleicht auch den Schauspielern (Gerhard Goebel, Thomas Monn und Christian Liniger) ein ausdruckstärkeres Spiel ermöglicht und guten Ideen wie derjenigen, das Schlachthaus von der Zuschauertribüne zu befreien und damit die Spielfläche zu vergrössern sowie die Decke in die Inszenierung einzubeziehen, zu mehr Geltung verholfen.
Weitere Aufführungen: Am 27. März sowie am 2., 3., 4. und 5. April um 20.30 Uhr im Alten Schlachthaus
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