theaterelch

Christian Probst

Bern, Schweiz
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Nonstopp - 15.10.2001

Applaus statt Amen: Kultur in Kirchen

Weshalb Rock schadet, aber "Gier" zu Gotik passt

»Gier» irn Berner Münster. Für Sarah Kanes Stück öffnen sich die Kirchenportale, für ein Rockkonzert blieben sie geschlossen. weil der Schalldruck den Glasfenstern schaden könnte.

Jesus stirbt am Kreuz, und das Publikum klatscht. So was geschieht in der Kirche, wenn Oratorien aufgeführt werden. Beifall in Gotteshäusern, das war früher mal ein Tabu, dann Diskussionsstoff, heute ist Applaus akzeptiert. Das Auditorium spürt, wann Beifall stören würde.

Nächstens werden die Zuschauer im Münster dem Stück einer Autorin applaudieren, die bis zu ihrem Freitod mit brutalen Werken Aufsehen erregte. Sarah Kanes Gier- ist zwar kein Schocker, aber eine schonungslose emotionale Auslegeordnung. Theater im Münster gabs in dieser Form noch nie. Dass sich die Kirchenportale ausgerechnet für Sarah Kane öffnen, erstaunt.

Konservatives Münster

Markus Marti, der Präsident des Münsterkirchgemeinderats, rapportiert, dass sich sein Gremium einstimmig für das Theatergesuch entschieden habe. Das Stück sei hart und ungewöhnlich, lasse sich aber verantworten: «Die Münsterkirchgemeinde gilt traditionell zwar eher als konservativ, aber sie ist auch bereit, sich Ungewohntem zu öffnen.»

Wenn Gemeinden ihre Gotteshäuser öffnen, müssen sie sich an die Kirchenordnung halten. Diese Grenzen sind allerdings weit gesteckt: Einzig die Würde des Kirchenraumes und der konfessionelle Frieden sind zu wahren. Gemäss Markus Marti bleibt das Münster zu, « wenn ein reines Spektakel zu erwarten ist, das nichts mit der Kirche zu tun hat.» Abgelehnt hat man zum Beispiel ein Rockkonzert mit Lasershow.

Weil das Probleme mit der Würde gegeben hätte? «Ja», bestätigt Marti, « und weil wir fürchteten, dass der Schalldruck die Glasfenster beschädigt hätte.»

Klar wie Fensterglas war für Marti, dass das Rockkonzert keine kirchliche Gnade fand. Umstrittener war die Ausstellung .«Weltreligion, Weltfriede, Weltethos», die kürzlich im Münster zu sehen war. Dass sich die grossen Weltreligionen ausgerechnet in einer christlichen Kirche präsentieren konnten, habe zwar viele po- sitive aber auch kritische Reaktionen ausgelöst», so Marti.

Begehrtes Münster

Das Berner Münster ist ein begehrter Ort. Die Kirche könnte noch häufiger ausgemietet werden.Wer Berns Wahrzeichen nutzen möchte, bezahlt einen abgestuften Beitrag, entscheidend sind der Zweck und die Grösse der Veranstaltung.

Die einen sehen im Münster Einen Ort der Sammlung und Erbauung; andere möchten, dass sich die Kirchentüren für die Welt möglichst weit öffnen. Markus Marti glaubt, dass sich beide Bedürfnisse vereinbaren lassen.«Wer Stille will, muss nicht zu Veranstaltungen gehen. Und jene die Anlässe besuchen, lernen dabei vielleicht das Münster als Gotteshaus kennen.»

SARAH KANE
Bitteres Ende, bittere Stücke

Die englische Autorin Sarah Kane löste 1995 mit ihrem ersten Stück «Zerbombt» einen der grössten Theaterskandale aus. «Gier» schrieb die 28- Jährige 1999, kurz bevor sie getrieben durch eine schwere Depression in den Freitod ging. Vier Personen, als A, B, C und M bezeichnet, sprechen in diesem Werk über sich und die anderen. Das Berner theater elch hat 1997 im Schlachthaus Heiner Müller «Philoktet» gezeigt und liefert mit «Gier» seine zweite Produktion.

PETER STEIGER


· Gier

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