theaterelch

Christian Probst

Bern, Schweiz
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Berner Münster

Ein Stück von Sarah Kane im Berner Münster

(aus dem Münsterboten)

Kirche und Theater haben eine lange, abwechslungsreiche und spannungsvolle Geschichte. Oft schon wurde auf den religiösen Ursprung des Theaters in der attischen Tragödie und Komödie hingewiesen.

Der christliche Gottesdienst hatte dann früh Züge eines symbolisch-liturgischen Dramas, später wurden die kirchlichen Feste dargestellt; es entstanden daraus Mysterienspiele.

Durch die Reformation ist dieser Bezug in den evangelischen Kirchen völlig in den Hintergrund getreten, obschon die Fasnachtsspiele für die Reformation von Bedeutung waren. Es ist klar, dass gerade eine bilderlose Religion eine gewisse Zurückhaltung und eine Scheu vor dem Theater hat.

Die Aufführung von Sarah Kanes Gier soll nun aber nicht in erster Linie eine alte Tradition willkürlich oder künstlich wiederbeleben, sondern das Stück selber ist von seiner Anlage her besonders für den Kirchenraum geeignet. Im Wesentlichen hören wir 4 Stimmen. Es handelt sich um eine Textvorlage, die ohne jede Regieanweisung Bruchstücke von Monologen und Dialogen aneinanderreiht und den Figuren keinerlei Handlungen zuweist. Kritiker haben von einer «schmerzenden Wahrhaftigkeit des Textes» geschrieben.

Gerade von diesen Besonderheiten her ist zu bedenken, dass dem Theater heute in unserer Kultur vielleicht eine besondere Aufgabe zukommt. Peter Sloterdijk bemerkt im Gespräch mit Hans-Jürgen Heinrichs in «Die Sonne und der Tod Dialogische Untersuchungen» (Frankfurt am Main, 2001) kritisch zu Sozial- philosophie und Soziologie:

Man glaubt heute gern, «die Gesellschaft schlüge im Sozialphilosophen die Augen auf und sähe sich zum ersten Mal selbst voll und ganz, wie sie ist. Wo ein Soziologe ist, da wird es wie von selber Licht. Heiner Müller hat aus Zweifel am Soziologenwahn auf einen anderen Ort für produktive Wahtheitsspiele hingezeigt, das Theater. Dies passt mit dem, was eben über Psychoanalyse und Stressanalyse gesagt wurde, gut zusammen, weil das europäische Theater seit den Griechen ein Auftauchort ist, an dem eher die energetischen Lebensas- pekte als die semantischen prozessiert werden - nicht umsonst bedeutet Drama Ereignis. Theater ist eine Klammerinstitution, eine Art von ästhetischem Orakel, ein teuer bezahlter, aber in seiner Leistungskraft noch lange nicht zu Ende durchdachter Ort, an dem das Auftauchen, das Zur-Sprache-Kommen und das Sichtbarwerden des bis dahin Un- sichtbaren sich vollziehen kann. Es ist eine mirakulöse, Institution. Man kann nicht genug darüber staunen, dass es einer Gesellschaft zuweilen gelingt, ihr Unbewusstes an bestimmten Schauplätzen spielen zu lassen.»

Jürg Welter

Jürg Welter ist Pfarrer der Berner Münstergemeinde


· Gier

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