Kontroverse im Münster
Ein Stück der britischen Dramatikerin Sarah Kane, welches von Sehnsucht, unerfüllten Wünschen der Angst allein zu sein und menschlicher Schwäche erzählt, wird im Berner Münster aufgeführt: „Gier“
Catherine Bratschi
Keine leichte Kost ist das Stück „Gier“ von der britischen Autorin Sarah Kane, welches zur Zeit im Berner Münster aufgeführt wird. Darin werden Probleme wie die Macht der Liebe und deren Missbrauch, Gewalt, Vergewaltigung und die Macht über den anderen, den Schwächeren, mit einer fast grausamen Klarheit dem Publikum vor Augen geführt. Bei der Aufführung sitzt der Zuschauer nicht wie gewohnt in den Kirchenbänken, sondern an der Seite von Chor und Kanzel. Von dort aus wirkt das Münster, zuerst nur in fahlem Licht, riesig. Die vier Schauspieler, die sich kurz drauf in eine der vorderen Bankreihen setzen, wirken verloren. Wenn die Personen zu sprechen beginnen, erinnert das Stück mehr an ein Gedicht als an einen herkömmlichen Theatertext. Obwohl die Schauspieler während dem ganzen Stück in der Bankreihe sitzen bleiben und von daher die Bewegung fehlt, ist das Publikum gebannt. Die Ausdrucksstärke, mit der die vier von ihren ineinander verwobenen Schicksalen erzählen, ist faszinierend und bedrückend zugleich. Es scheint, als spreche jeder für sich allein, dennoch sind die Personen eng miteinander verbunden. Und immer wieder die Frage: „Wer bist du?“ Flehend, drohend an andere und dann wieder an sich selbst gerichtet. Warum wird gerade ein solch düsteres Stück im Berner Münster aufgeführt? „Wenn ich auf der Kanzel stehe und die Leute, welche die Predigt besuchen ansehe, weiss ich, dass für viele unter ihnen die im Stück von Sarah Kane behandelten Probleme erdrückende Realität sind“, so Jürg Welter, Münsterpfarrer seit 1995.
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