Theater mit offenem Schluss
Darf das Stück «Tod - Ackermann von Böhmen»
nun auf dem Bremgartenfriedhof aufgeführt werden?
Viel Theater um ein Theater: Der Regierungsstatthalter entschied
zwar Anfang Jahr, die Aufführung des besinnlichen Stücks
auf dem Friedhof verletzte die Totenruhe nicht. Ob das Theater heuer
aufgeführt werden kann, ist trotzdem noch nicht sicher.
Evelyne Reber-Mayr
Das Corpus Delicti ist ein Theaterstück. «Tod -
Ackermann von Böhmen» heisst das Werk, ein Streit- und
Trostgespräch, das Johannes von Tepl im Jahr 1400 geschrieben
hat. Das Theater Elch will es im August auf dem Bremgartenfriedhof in
Bern zwölf Mal aufführen \u2013 und geht davon aus, dass
dies auch möglich sein wird. Die Daten sind jedenfalls schon
festgelegt, Schauspieler, Musiker und Regisseur engagiert. Die Proben
beginnen Ende Juni, sagt Theatermacher Christian Probst. Allein: Noch
ist nicht klar, ob das Theater Elch von den Stadtbehörden die
Bewilligung für die Aufführungen erhält \u2013 obwohl
die nächsthöhere Instanz, der Regierungsstatthalter, schon
vor drei Monaten entschieden hat, dass das besinnliche Stück die
Totenruhe nicht verletzt.
Auslegung der Totenruhe
Doch der Reihe nach: Bereits 2003 wollte das Theater Elch den
«Ackermann von Böhmen» auf dem Bremgartenfriedhof
aufführen. Das Theaterprojekt wurde von städtischen,
kantonalen und kirchlichen Stellen finanziell unterstützt. Die
Stadtgärtnerei wollte den Theaterschaffenden gerne Gastrecht auf
dem Friedhof gewähren. Doch das Vorhaben scheiterte am Nein des
Polizeiinspektors und der Direktion für Öffentliche
Sicherheit. Die Aufführungen störten die Totenruhe, lautete
die Begründung für den ablehnenden Bescheid. Das Theater
Elch legte daraufhin Verwaltungsbeschwerde beim Regierungsstatthalter
ein. Und dieser stellte im vergangenen Februar die Weichen neu: Die
städtische Behörde habe die Totenruhe zu Unrecht mit
absoluter Totenstille gleichgesetzt, befand Alec von Graffenried.
Zwar sei Theater in den allermeisten Fällen nicht mit dem
Friedhofszweck vereinbar. Doch weil «Ackermann von Böhmen»
geeignet sei, die Zuschauenden zu einer grundlegenden Reflexion über
Leben und Tod, Trauer und Zuversicht anzuregen, dürfe es
durchaus auf einem Friedhof aufgeführt werden.
Loch in der Kasse
Vor dieser Ausgangslage und mit der Gewissheit, es handle sich um
eine reine Formsache, reichte Christian Probst kürzlich sein
Gesuch, versehen mit den aktuellen Aufführungsdaten, erneut ein.
Dies, obwohl das Theaterprojekt finanziell mittlerweile auf wackligen
Beinen steht. Das letztjährige polizeiliche Verbot lastet auf
der Kasse, weil Mitwirkende teilweise für ihren Arbeitsausfall
entschädigt werden mussten \u2013 eine Finanzierungslücke
von 20 000 Franken war entstanden. Doch laut Probst sind alle
Beteiligten fest entschlossen, das Projekt, dessen Budget massiv
hinuntergeschraubt werden musste, dennoch zu verwirklichen. Die
Mitwirkenden stünden mit «viel Idealismus» hinter
der Sache, seien bereit, zu «Hungerlöhnen» zu
arbeiten. Auch eine allfällige Auflage, keinen Eintritt
verlangen zu dürfen, würde sie nicht von der Durchführung
des Vorhabens abbringen, sagt Probst.
Gemeinderätlicher Entscheid
Als neuer Stolperstein könnte sich jetzt aber ein
gemeinderätlicher Grundsatzentscheid erweisen \u2013 der
notabene gefällt worden war, bevor Probst das Gesuch erneut
einreichte. In seiner Antwort auf eine Interpellation hält der
Gemeinderat fest, dass er Veranstaltungen auf Friedhöfen ablehnt
(siehe Kasten). Offen bleibt, ob sich Stadtgärtnerei und
Polizeiinspektorat, die nun das Gesuch zu beurteilen haben, an diesem
Grundsatzentscheid oder am Beschwerdeentscheid des
Regierungsstatthalters orientieren werden.
[i] Geplante Aufführungen: 5. August
(Premiere), 6., 9., 10., 11., 12., 13., 16., 17., 18., 19. und 20.
August. www.theaterelch.ch
Alles bleibt, wie es ist
Die Berner Friedhöfe sind längst nicht mehr nur Orte zum
Trauern. Für zahlreiche Besucherinnen und Besucher sind sie
Oasen der Ruhe, sie spazieren durch die Anlagen, verweilen auf einer
Bank. Diese Multifunktionalität der Friedhöfe wird
geschätzt, und bezüglich der Dienstleistungen in den
Friedhöfen herrscht eine hohe Kundenzufriedenheit, wie eine
Befragung von 363 Friedhofbesucherinnen und -besuchern ergeben hat
(der «Bund» berichtete). Die Umfrage zeigte aber auch,
dass rund ein Drittel der befragten Personen eine Nutzungserweiterung
der Friedhöfe befürwortete \u2013 etwa weidende Schafe oder
bestimmte kulturelle Anlässe guthiesse. Sowohl
Stadtgrün-Direktor Adrian Guggisberg wie auch Stadtgärtner
René Haefeli liessen anlässlich der Präsentation der
Studie im November 2003 durchblicken, dass sie einer sanften Öffnung
der Friedhöfe in diese Richtung positiv gegenüber stehen.
Der Gesamtgemeinderat lehnt aber eine Nutzungserweiterung ab. Wie
er in einer Antwort auf eine Interpellation der GFL/EVP festhält,
sollen auch in Zukunft «nur ruhige Nutzungen im bisherigen
Rahmen» zugelassen werden. Veranstaltungen auf den Friedhöfen
lehnt er ab (siehe Haupttext). Der Gemeinderat habe das Thema
«eingehend» diskutiert und insbesondere die Rücksicht
auf die Trauernden gewichtet, sagt Guggisberg auf Anfrage. «Die
Frage war auch, wo denn die Grenze gezogen werden soll.» Man
bewege sich halt in einem heiklen Bereich und riskiere, den Rahmen
einer würdigen Friedhofskultur zu verlassen. Darum habe der
Gemeinderat ein konsequentes Nein zu Veranstaltungen beschlossen.
(may)
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