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Christian Probst

Bern, Schweiz
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Der «Bund» - 12. August 2004

fünf fragen an

Michael Oberer

Regisseur, inszeniert mit dem theater elch das Stück «Tod – Der Ackermann aus Böhmen». Premiere: heute um 20.30 Uhr, Bremgartenfriedhof, Besammlung: Endstation Bus 11.


Johannes von Tepls «Der Ackermann aus Böhmen» ist ein Streitgespräch zwischen einem Ackermann und dem Tod. Was bewegt einen modernen Menschen dazu, diesen über 600-jährigen Text als Grundlage für ein Stück zu wählen?

Das ist ganz einfach, erstens, weil es ein Text ist über die Condition humaine, über die Sterblichkeit des Menschen – also ein zeitloses Thema. Zweitens ist es die Reaktion dieses einzelnen Menschen, die mich fasziniert: die Rebellion eines Ackermanns, der sich nach dem Verlust seiner Frau gegen den Tod auflehnt, ihn beschimpft und anklagt. Die Vorstellung eines personifizierten Todes, wie er im «Ackermann» auftritt, ist natürlich eine kindliche, aber auch eine, auf die sich auch die Moderne noch immer bezieht. Der Text geht zudem über die reine Tatsache des Sterbenmüssens hinaus und stellt philosophische Grundfragen. Der Tod beispielsweise vertritt eine klar stoische Position, wogegen sich der Ackermann wehrt.


Sind die Positionen der beiden Figuren denn verständlich ohne philosophische Vorbildung?

Das Streitgespräch ist zwar durchaus eine Auseinandersetzung von zwei Hochintellektuellen. Der Ackermann ist ja eigentlich ein Schriftsteller, er sagt «die Feder ist mein Pflug», und hat seinen Seneca und seinen Aristoteles gelesen. Aber die Bilder und Ansichten sind allgemein verständlich.


Der Text scheint für eine Dramatisierung auf den ersten Blick wenig geeignet. Erstens ist er mittelhochdeutsch, zweitens stark strukturiert: Rede und Gegenrede wechseln sich regelmässig ab. Wie haben Sie ihn bearbeitet?

Es gibt ein paar neuhochdeutsche Übersetzungen davon. Ich habe daraus eine Fassung geschustert, die vom Duktus her so nahe wie möglich am mittelalterlichen Original, aber trotzdem verständlich ist. Ich wollte den Text bewusst sperrig und spröde halten – wenn ich ihn in ein modernes Alltagsdeutsch übertrage, verliert er seinen Reiz. Die Struktur ist tatsächlich nicht sehr dramatisch, sie folgt den Regeln der mittelalterlichen Disputationen, wie sie an den Universitäten dazumal geführt wurden. Dies erforderte viel Arbeit mit den Schauspielern: Sie müssen die langen Gedankenbögen tragen können, sie ausformen, sich die Techniken aneignen, die man auch bei den Klassikern mit ihren langen Monologen braucht.


Soll das Stück ein Memento mori sein?

Das Stück soll den Zuschauern einen Moment des Innehaltens, der Meditation bieten und ihnen nicht Angst einjagen. Natürlich ist der Tod ein Thema, mit dem man sich zu wenig beschäftigt. Es geht aber im Stück nicht nur ums Sterben, sondern vielmehr um eine Betrachtung dessen, worauf unser Dasein hinausläuft.



Sie spielen das Stück auf dem Bremgartenfriedhof, was im Vorfeld heftige Diskussionen auslöste. Abgesehen davon: Hätte Theater nicht die Kraft, die intendierte Wirkung auch anderswo auszulösen?

Das ist an sich schon so. Aber ich wollte den «Ackermann von Böhmen» unbedingt auf dem Bremgartenfriedhof spielen, auch nicht auf einem anderen Friedhof, denn es ist ein so einmaliger Ort. Ich entdeckte ihn beim Spazieren und spürte, dass dies ein Ort ist, der zur Vertiefung der Themen beiträgt. Würden wir das Stück im Theater spielen, hätten wir wohl völlig andere theatralische Formen wählen müssen.

(reg)

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