Lebenspuls und Todesschritte
Auf dem Bremgartenfriedhof wird vom Theater Elch «Der Ackermann aus Böhmen» gezeigt
Die stimmige schlichte Inszenierung des mittelalterlichen Zwiegesprächs mit Gevatter Tod von Johannes von Tepl geht äusserst respektvoll mit Text und Aufführungsort um.
PIA STRICKLER
Der Kontrabass ist der Puls des Lebens, die Trommel markiert die Schritte des Todes. Die Instrumente legen den Teppich aus für die beiden Kontrahenten des Abends: den Herrn Tod und den Ackermann aus Böhmen. Sie treffen sich unter der grossen Blutbuche auf dem Berner Bremgartenfriedhof. Der eine trauert um seine geliebte Frau Magdalena, die ihm der andere genommen hat. Das Thema ist schwierig, der Spielort aussergewöhnlich, die Musik wunderschön.
Johannes von Tepl hat vermutlich nach dem Tod seiner eigenen Frau um 1401 den «Ackermann aus Böhmen – Ein Streit- und Trostgespräch zum Tode» geschrieben. In 33 Kapiteln geht die Argumentation zwischen dem trauernden Kläger und dem mächtigen Angeklagten hin und her. Philosophische Paten der Reden sind Aristoteles und Seneca, und es ist nicht immer einfach, diesen komplexen Denkströmen ganz zu folgen.
Unter der Blutbuche
Aber das tut weder dem Abend noch der Kernaussage des Textes Abbruch. Denn Regisseur Michael Oberer gelingt es mit seinem hervorragenden Team, die grossen Themen des Textes – Liebe, Leben und Tod, Trauer und Zuversicht – so zu inszenieren, dass genügend Raum bleibt, dem anspruchsvollen Text zu folgen und zwischendurch auch eigenen Gedanken nachzuhängen.
Das Theaterunternehmen hat die Gemüter schon vor der Premiere bewegt. Theater auf dem Friedhof? Diese berechtigte Frage hat im politischen Bern während Monaten zu kontroversen Diskussionen geführt (der «Bund» berichtete) und die bereits im Sommer 2003 geplante Aufführung vom «Ackermann» musste zunächst abgesagt werden. Schliesslich hat das Theater Elch für diesen Sommer die Bewilligung erhalten unter der Auflage, kein Eintrittsgeld zu verlangen und auf Applaus zu verzichten.
Mit diesen Formalitäten wird der aussergewöhnlichen Spielstätte Respekt gezollt und gleichzeitig den Zuschauenden eine Wegleitung gegeben. Gemeinsam geht man von der Busstation am Rande des Friedhofs den mit Kerzen beleuchteten Friedhofsweg zur Blutbuche und wieder zurück. Kommt einem das einerseits vielleicht ein bisschen sehr reglementiert vor, so ist man andererseits nicht unglücklich darüber, dass man nachts auf dem finsteren Friedhof nicht alleine des Weges gehen muss.
Beeindruckende Präsenz
Auch die Inszenierung geht respektvoll mit Spielort und Text um. In gebührender Distanz zu den Gräberfeldern sitzt der Ackermann (Alexander Muheim) unter der Blutbuche. Der Kontrabass (Mich Gerber) spielt leise, dann setzten Trommelschläge (Pit Li) ein. Aus einem Gräberfeld schreitet der Tod (Udo Thies) auf den Platz zu. Der Disput beginnt.
So zurückhaltend wie den Anfang, so schlicht hat Michael Oberer den ganzen Text inszeniert. Die beeindruckende sprachliche Präsenz der Protagonisten, das unheimlich-ruhige Auftreten des optisch ansprechenden Herrn Tod, die stillen Gesten der Trauer des Ackermanns und sein nicht zu brechender Wille zur Erinnerung an seine Frau verleihen dem Abend starke (be)sinnliche Momente.
[i]Weitere Vorstellungen auf dem Bremgartenfriedhof Bern vom 16. bis 20. August und vom 23. bis 27. August jeweils um 20.30 Uhr. Besammlung Endstation Bus 11 (Güterbahnhof).
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