theaterelch

Christian Probst

Bern, Schweiz
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NZZ - 23.07.2005

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NZZ - 23.07.2005

Den Tod vor Augen

Theater Elch auf dem Friedhof Enzenbühl

stm. «Mörder, Tilger, Elender», flucht und hadert der Ackermann über den Verlust seiner «wonnenlichten Sommerblume», seiner geliebten, reinen Ehefrau. Er jammert und klagt über die Ungerechtigkeit des Schnitters, des Herrn Tod, der die Guten mähe und die Schändlichen am Leben lasse. Vibrierende Kontrabass-Melodien umfangen die Zuschauer, und wenn der Tod (Udo Thies) und sein Ankläger (Alexander Mulheim) die verbalen Klingen kreuzen, sprudeln kleine Trommelwirbel durch die grüne Szenerie. Die Seerosen im Teich stehen kurz vor der Blüte, das Schilf wogt im Wind, kurz: Die Kulisse ist betörend. Das mittelalterliche, auf 1401 datierte Streitgedicht von Johannes von Tepl («Der Ackermann aus Böhmen») hat in der besinnlichen Inszenierung des bernischen Theaters Elch den Friedhof zur Bühne gemacht. In Bern - wo auf dem Bremgartenfriedhof gespielt wurde - verlief die unorthodoxe Wahl nicht ohne Querelen: Man fürchtete um die Totenruhe, der Gemeinderat votierte gegen das Projekt, erst der Statthalter gab die Erlaubnis. Unter den gleichen Konditionen (kein Applaus, keine festen Eintrittspreise) erhielt die Truppe auf dem Zürcher Friedhof Enzenbühl die Spielerlaubnis. Während die Sonne sinkt, sucht der Ackermann nun hier Rat und Lenkung, ruft Gott, Geister und alle Mächtigen an und erhält im Zwiegespräch mit dem zynisch-realistischen Tod in personam nur wortgewaltige Schelten über die Hybris des Menschen: «Ausnahmslos alles muss vergehen.»

Zürich, Friedhof Enzenbühl, bis 3. August.


· Tod

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