Von Isabel Hemmel
Das Rauschen der Bäume mischt sich mit Kontrabass und Trommel zu einem melancholischen Klangteppich. Neben dem Karpfenteich in der Mitte des Zürcher Friedhofs Enzenbühl sitzt zusammengesunken der Ackermann aus Böhmen. Er trauert um seine geliebte Frau Magdalena, die ihm der Tod entrissen hat.Voll Schmerz erhebt er Anklage gegen denjenigen, der ihm seine "auserwählte Turteltaube" geraubt und seines "Herzens Blume" ausgejätet hat. Und scheinbar aus den Gräberreihen kommt der übermächtige Gegner, um sein Tun zu verteidigen, zu erklären, zu spotten. Das wortgewandte Streit- und Trostgespräch über Leben und Sterben, Liebe und Verlust, Trauer und Hoffnung beginnt
Epochenschwelle
Um 1400 hat der Jurist und Stadtschreiber Johannes von Tepl den "Ackermann" verfasst. Es ist ein kleiner und sprachlich brillanter Text, der auf dem Gedankengut von Seneca und Lothar von Segni basiert. Mit der Auflehnung eines zutiefst getroffenen Individuums gegen den Tod ist der Text ein Dokument einer Epochenschwelle - dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, Der Regisseur Michael Oberer hat aus drei neuhochdeutschen Übersetzungen eine geraffte Fassung erarbeitet, die verständlich ist und doch den sprachlichen Duktus des Textes nicht zerstört. Die komplexen Denkvorgänge werden so klar.
Bern verbot zuerst die Aufführung
Um die Wirkung noch zu verstärken, wählte das Theater Elch für die 2003 geplante den Berner Bremgartenfriedhof als Spielstätte und gab im politischen Bern damit über ein Jahr Anlass für hitzige Diskussionen. Theater auf dem Friedhof? Das Polizeiinspektorat und die Direktion für öffentliche Sicherheit sagten Nein und begründeten ihren Entscheid mit der "Störung der Totenruhe". Das Projekt musste schliesslich abgesagt werden. Erst nachdem sich das Verbot als juristisch nicht haltbar erwies und man sich zusammen mit den Theatermachern darauf einigte, keine Eintrittsgelder zu verlangen und auf Applaus zu verzichten, gab es im Sommer 2004 doch noch eine Premiere. Mit beachtlichem Erfolg. Unter diesen Voraussetzungen bekam man für die Zürcher Aufführungen denn auch um einiges schneller eine Bewilligung als in der Haupstadt.
Der Abend wird getragen von schauspielerischer Präzision und Präsenz, der atmosphärischen Livemusik (Mich Gerber/Pit Hertig) und der besinnlichen Wirkung des Ortes. Die Berner Auflagen, von Eintritt und Applaus abzusehen, werden auch in Zürich respektiert. Und die Inszenierung von Michael Oberer geht vorsichtig mit dem Aufführungsort um. Man agiert in pietätvollem Abstand zu den Gräbern. Das Tun der beiden Schauspieler ist geprägt von reduzierten ruhigen Gesten. Wenige wirksame Positionswechsel unterstreichen die Auseinandersetzung des willensstarken Ackermanns (Alexander Muheim) mit dem charismatischen Sensenmann (Udo Thies). Das kleine, unaufgeregte, aber aussergewöhnliche Theaterprojekt vermag ohne Effekthascherei zu bewegen. Leider haben die Akteure am ersten Abend Mühe, die Aufmerksamkeit des Publikums ganz bei sich zu halten, interessieren sich doch der kläffende Hund und die springenden Fische im Karpfenteich wenig dafür, dass auf dem Friedhof Enzenbühl gerade der Gevatter Tod zu Besuch ist.
Weitere Vorstellungen
22., 25., 26., 28., 29. Juli und 2., 3. August