Philoktet auf Lemnos |
Philoktet auf Lemnos
Die Helden landeten auf der unbetretenen, unbewohnten Küste
der wüsten Insel Lemnos. Hier hatte vor mehr als neun Jahren,
nach dem Ausspruche der Heerführer, Odysseus den Sohn des
Pöas, Philoktet, dessen unheilbares Übel den Griechen
seine Gegenwart unerträglich machte, in einer Höhle
mit zwei Mündungen ausgesetzt, wo er des Winters im Sonnenstrahle
Schutz vor der Kälte und des Sommers an einer andern Stelle
Schatten und Kühlung finden konnte; in der Nähe rieselte
eine lebendige Quelle. Die beiden Helden hatten diese Stelle bald
wiedergefunden, und Odysseus traf noch alles wie das erstemal.
Aber die Wohnung war leer, nur eine breite Streu aus Laub, wie
von einem Ruhenden zusammengedrückt, ein kunstlos geschnitzter
Becher aus Holz und etwas Feuergeräte deuteten auf einen
Bewohner; und in der Sonne lagen Lumpen voll Eiters ausgebreitet,
die nicht zweifeln ließen, daß der kranke Philoktet
noch der Bewohner sei. Das erste, was sie taten, war, daß
ein Diener auf die Lauer ausgesandt wurde, damit der Kranke sie
nicht überraschen könnte. »Benützen wir«,
sprach Odysseus zu dem jungen Sohne des Achill, »die Abwesenheit
des Mannes, um unsern Plan mit ihm zu verabreden, denn nur durch
Täuschung können wir uns seiner bemächtigen. Bei
eurer ersten Zusammenkunft darf ich nicht zugegen sein; haßt
er mich doch tödlich, und mit Recht! Sobald er dich nun fragt,
wer du seiest und von wannen du kommest, sagst du ehrlich, du
seiest der Sohn des Achill. Dann aber dichtest du noch weiter
hinzu, du habest dich zürnend von den Griechen abgewandt
und seiest auf der Fahrt nach der Heimat begriffen. Denn diese,
die dich von Skyros nach Troja flehend herbeigeholt, um ihnen
die Stadt erobern zu helfen, hätten dir die Waffen deines
Vaters verweigert und sie mir, denn Odysseus, gegeben. Häufe
nur so viel Schimpf auf mich, als dir einfällt; mich kränkt
es nicht, und ohne diese List bekommen wir den Mann und die Pfeile
nicht. Darum mußt du darauf denken, wie du ihm dies unbesiegbare
Geschoß entwenden magst.« Hier fiel ihm Neoptolemos
ins Wort: »Sohn des Laërtes«, sprach er, »eine
Tat, die ich ohne Abscheu nicht hören kann, vermag ich auch
nicht zu tun; weder ich noch mein Vater sind zu böser Kunst
geboren worden. Gerne bin ich bereit, den Mann mit Gewalt zu fangen;
nur erlaß mir die Arglist! Wie sollte auch der einzelne
Mann, der dazu nur auf einem Fuße stehen kann, uns, die
vielen, überwältigen?« »Mit seinen unentfliehbaren
Pfeilen«, erwiderte Odysseus ruhig. »Ich weiß
wohl, mein Sohn, daß dir die Gabe der Täuschung nicht
eingepflanzt ist, und auch ich selbst, der ich von einem redlichen
Vater stamme, war in der Jugend mit der Zunge langsam und rasch
mit der Hand. Erst die Erfahrung mußte mich belehren, daß
die Welt weniger durch die Taten als durch Worte gelenkt wird.
Wenn du nun bedenkst, daß der Bogen des Herakles allein
Troja zu bezwingen vermag und du durch diese Tat den Ruhm der
Klugheit wie der Tapferkeit davontragen, auch durch den Erfolg
vollkommen gerechtfertigt erscheinen wirst, so weigerst du dich
gewiß nicht länger der kurzen Trugworte!«
Neoptolemos gab den Gründen seines älteren Freundes
nach, und dieser entfernte sich nun, wie verabredet war. Auch
dauerte es nicht lange, bis von weitem der Schmerzensruf des leidenden
Philoktet sich hören ließ. Dieser hatte nämlich
von ferne das Schiff am hafenlosen Strande erblickt und kam auf
Neoptolemos und seine Begleiter herzugeeilt. »Wehe mir«,
rief er ihnen zu, »wer seid ihr, die ihr an dieser unwirtbaren
Insel gelandet? Zwar erkenne ich an euch die geliebte Griechentracht,
doch möchte ich auch den Laut eurer Sprache vernehmen. Bebet
vor meinem verwilderten Aussehen nicht zurück, bedauert vielmehr
mich unglücklichen, von allen Freunden verlassenen, gepeinigten
Mann und antwortet, wenn ihr anders nicht mit feindlichen Absichten
erschienen seid!«
Neoptolemos antwortete, wie Odysseus ihn gelehrt hatte; da brach
Philoktet in ein Freudengeschrei aus: »O teuerwerte griechische
Laute, wie nach so langer Zeit tönet ihr in mein Ohr! O Sohn
des liebsten Vaters! Geliebtes Skyros! Guter Lykomedes! Und du,
Pflegekind des Alten, was sprichst du da? So haben dich die Danaer
denn auch nicht anders behandelt als mich! Wisse, ich bin Philoktet,
der Sohn des Pöas, derselbe, den die Atriden und Odysseus
einst, ganz verlassen, von entsetzlicher Krankheit gequält,
auf unsrem Zuge nach Troja hier aussetzten. Sorglos schlief ich
am Strande der See unter diesem hohen Felsendache; da entflohen
sie treulos, hinterließen mir nur kümmerliche Lumpen
wie einem Bettler und die notdürftigste Kost, wie sie einst
ihnen aufgespart sein möge! Wie meinst du, liebes Kind, daß
ich aus meinem Schlaf erwacht sei? mit welchen Tränen, welchem
Angstgeschrei, als ich von dem ganzen Schiffszuge, der mich hierhergeführt,
keine Seele mehr erblickte, keinen Arzt, keine Hilfe für
mein Übel; gar nichts mehr ringsum außer meinem Jammer,
aber diesen freilich im Überfluß! Seitdem sind mir
Armen Tage um Tage und Jahre um Jahre verlaufen, und unter diesem
engen Dache bin ich mein einziger Pfleger gewesen. Mein Bogen
hier verschaffte mir die nötigste Nahrung; aber wie jammervoll
mußte ich mich, wenn mir eine Beute aus den Lüften
zufiel, nach der Stelle hinschleppen, den kranken Fuß nachziehend!
Und sooft ich einen Trunk aus der Quelle suchen, sooft ich von
Winter zu Winter zur Feuerung meiner Höhle mir Holz im Walde
fällen wollte, das alles mußte ich, mit Mühe aus
meiner Höhle hervorkriechend, selbst besorgen. Wiederum fehlte
es mir an Feuer; wie lange währte es, bis ich den rechten
Stein fand, der, an Eisen geschlagen, den Funken sprühte,
welcher mich bis diese Stunde erhalten hat. Denn als ich einmal
dies Bedürfnis hatte, fehlte mir nichts mehr, mein Leben
zu fristen, als Gesundheit. Jetzt höre aber auch von der
Insel etwas, lieber Sohn! Wisse, es ist der armseligste Fleck
auf der Erde: niemals nahet sich ihr freiwillig ein Schiffer;
es fehlt an Landungsplätzen, fehlt an Gelegenheit, Waren
umzutauschen, fehlt an allem Umgange mit Sterblichen. Wen die
Fahrt hierhertreibt, der landet nur gezwungen. Solcherlei Schiffer
beklagen mich dann zwar wohl, reichen mir auch wohl Speise oder
ein Kleid, aber heimgeleiten will mich keiner; und so schmachte
ich denn hier in Not und Hunger schon ins zehnte Jahr; und das
alles haben Odysseus und die Atriden mir zuleide getan, denen
die Götter mit Gleichem vergelten mögen!«
Neoptolemos geriet bei dieser Erzählung in wilde Bewegung
seines Innern; doch drängte er dieselbe zurück, der
Ermahnung des Odysseus eingedenk. Er berichtete dem jammernden
Helden den Tod seines Vaters und was er sonst über Landsleute
und Freunde zu hören wünschte und knüpfte daran
mit aller Wahrscheinlichkeit die Lüge, die Odysseus ihn gelehrt.
Philoktet hörte unter lauten Bezeugungen der Teilnahme und
Überraschung zu; dann faßte er den Sohn des Achill
bei der Hand, weinte bitterlich und sprach: »Nun, liebes
Kind, beschwöre ich dich bei Vater und Mutter, laß
mich nicht in meinen Qualen zurück. Ich weiß wohl,
daß ich eine lästige Ladung bin! Dennoch entschließe
dich, nimm mich mit, wirf mich, wohin du wills, ans Steuerruder,
an den Schnabel des Schiffes, in den untersten Raum, wo ich deine
Schiffsgenossenschaft am wenigsten quäle! Laß mich
nur nicht in dieser schrecklichen Einsamkeit; führe mich
als Retter nach deiner Heimat: von der bis zum Öta und dem
Lande, wo mein Vater wohnte, ist die Fahrt nicht mehr weit. Zwar
habe ich oft schon Gelandeten manche herzliche Bitten an ihn mitgegeben,
aber niemand brachte mir Kunde von ihm, und er ist wohl schon
lange tot; nun, ich wäre froh, wenn ich nur an seinem Grabe
ruhen dürfte.«
Neoptolemos gab dem kranken Manne, der sich zu seinen Füßen
warf, mit schwerem Herzen die unredliche Zusage und rief: »Sobald
du willst, laß uns zu Schiffe gehen; möge nur ein Gott
uns schnelle Fahrt aus diesem Lande verleihen, nach dem Ziele,
das uns angewiesen ist!« Philoktet sprang auf, so schnell,
als das Übel seines Fußes es ihm zuließ, und
ergriff mit einem Freudenrufe den Jüngling bei der Hand.
In diesem Augenblick erschien der Späher der Helden, als
ein griechischer Schiffsherr verkleidet, mit einem andern Schiffer
von ihrem Gefolge. Er erzählte, an Neoptolemos gewendet,
die erheuchelte Kunde, daß Diomedes und Odysseus auf der
Fahrt nach einem gewissen Philoktet begriffen seien, den sie,
einer Weissagung des Sehers Kalchas zufolge, fangen und vor Troja
bringen müßten, wenn die Stadt erobert werden sollte.
Diese Schreckensnachricht warf den Sohn des Pöas ganz dem
Neoptolemos in die Arme. Er raffte die heiligen Geschosse des
Herakles zusammen, übergab sie dem jungen Helden, der sich
zum Träger erbot, und schritt mit ihm unter das Tor der Höhle.
Da vermochte sich Neoptolemos nicht länger zu halten, die
Wahrheit siegte in dem reinen Herzen des jungen Helden über
die Lüge, und ehe sie am Ufer angekommen waren, sprach er:
»Philoktet, ich kann es dir nicht länger verbergen:
du mußt mit mir nach Troja zu den Atriden und Griechen schiffen!«
Philoktet bebte zurück, flehte, fluchte. Ehe aber das Mitleid
ganz die Oberhand über die Seele des Jünglings gewann,
sprang Odysseus aus dem Gebüsche, das ihn verborgen hielt,
hervor und befahl den Dienern, den unglücklichen alten Helden,
der doch schon ihr Gefangener sei, zu fesseln. Philoktet hatte
ihn auf den ersten Laut erkannt. »O wehe mir«, rief
er, »ich bin verkauft, ermordet! Dieser ist's, der mich ausgesetzt
hat, der mich jetzt dahinschleppt, durch dessen Trug mir meine
Pfeile gestohlen sind! - Gutes Kind« sprach er dann schmeichelnd
zu Neoptolemos, »gib du mir Bogen und Pfeile wieder!«
Aber Odysseus fiel ihm in die Rede: »Nie geschieht solches«,
rief er, »und wollte es der Jüngling auch; sondern du
mußt mit uns gehen, du mußt; es gilt der Griechen
Heil und Trojas Untergang!« Damit überließ ihn
Odysseus den ihn fesselnden Dienern und zog den verstummten Neoptolemos
mit sich fort. Philoktet blieb mit den Dienern im Eingang der
Höhle stehen, klagte über den schamlosen Betrug und
schien umsonst die Rache der Götter anzurufen, als er plötzlich
die beiden Helden im Wortwechsel miteinander zurückkehren
sah und aus der Ferne hörbar die Worte des jüngeren
vernahm, welcher zürnend ausrief. »Nein, ich habe gefehlt;
ich habe durch schnöde List einen edlen Mann verstrickt!
Ich will sie ungeschehen machen, die schändliche Tat, und
eh du mich getötet hast, führest du diesen Mann nicht
gen Troja!« Beide zogen die Schwerter, Philoktet aber warf
sich dem Sohne Achills zu Füßen: »Versprich mir,
mich zu retten, wie du willst: so sollen die Pfeile meines Freundes
Herakles jeden Einfall von deinem Lande abwehren!« »Folge
mir«, sprach Neoptolemos und hub den alten Helden vom Boden
auf, »wir schiffen noch heute nach Phthia, in mein Heimatland.«
Da verfinsterte sich die blaue Luft über den Häuptern
der rechtenden Helden; ihre Blicke kehrten sich nach oben, und
Philoktet war der erste, der seinen Freund, den vergötterten
Herakles, in einer dunklen Wolke schwebend, erblickte.
»Nicht weiter!« rief dieser mit einer hallenden Götterstimme
vom Himmel herab. »Höre, Freund Philoktet, aus meinem
Munde den Ratschluß des Zeus und gehorche! Du weißt,
durch welche Mühsal ich Unsterblichkeit gewann; auch dir
ist vom Geschicke bestimmt, aus deinem Jammer verherrlicht hervorzugehen.
Mit diesem Jünglinge vor Troja erscheinend, wirst du vor
allen Dingen von der Krankheit erlöst; dann haben dich die
Götter erwählt, den Paris, den Urheber alles Leids,
zu vertilgen; dann stürzest du Troja; das Herrlichste der
ganzen Beute wird dein Anteil; beladen mit Schätzen fährst
du zurück zu deinem Vater Pöas, der noch lebt. Hast
du etwas übrig von der Beute, so opfere es auf dem Scheiterhaufen
bei meinem Denkmale. Leb wohl!« Philoktet streckte dem verschwindenden
Freunde die Arme nach zum Himmel. »Wohlan«, rief er,
»zu Schiff, ihr Helden! Gib mir die Hand, edler Sohn des
Achill; und du, Odysseus, schreit immerhin an meiner Seite: du
hast gewollt, was die Götter wollen!«
aus: Projekt Gutenberg-DE: Gustav Schwab - Sagen des klassischen Altertums
|