Platero und ich
Ich behandle Platero so, als wäre er ein Kind… Er ist mir so ähnlich, so anders als die übrigen Leute, dass ich allmählich zu dem Glauben gelangt bin, er träume meine eigenen Träume.
Juan Ramon Jimenez
Eine andalusische Elegie nennt Juan Ramon Jimenez seine Prosadichtung “Platero und ich“. “Aus Stahl und Mondsilber zugleich“ ist er, der silbergraue Esel namens Platero, der den Erzähler in 138 Kapiteln begleitet und ihm als Ansprechpartner im Stall dient. “Platero, mein kleiner Esel, ist klein, grauhaarig und weich, so sanft fühlt er sich an, dass man sagen möchte er sei ganz aus Watte und habe keine Knochen.“ Mit den beiden erleben wir ein ganzes Jahr von Frühjahr bis Winter im andalusischen Städtchen Moguer. Moguer war im 16.Jahrhundert eine blühende Seefahrerstadt. Nun ist der Hafen versandet, die einst blühenden Rebberge sind von der Reblaus vernichtet und trotzdem blüht Leben in dem kleinen Ort. Wir erleben in den kurzen Erzählungen all die kleinen und grossen Ereignisse. Vor unseren Ohren und Augen taucht ein ganzer Kosmos von skurrilen, einfachen oder absonderlichen Gestalten auf, wie zum Beispiel das Mädchen mit den Pinienkernen oder der Tierarzt Darbon, „…gross wie ein gescheckter Ochse, rot wie eine Wassermelone“, der immer mit Rührung in Richtung Friedhof schaut und murmelt: „Mein Mädchen, mein armes Mädchen“. Oder Ereignisse wie die alljährliche Corrida, den Tod des Kanarienvogels, die Prozessionen, den Karneval... ein grosser Strom von Erinnerungen, überlagert von der Traurigkeit des unwiederbringlichen Vorbeiseins der Kindheit. Alles endet mit dem Tod von Platero, mit dessen Eingehen in die Natur.
Mein Freund Platero, wenn Du, wie ich es mir denke, jetzt auf einer Himmelswiese weilst, und auf Deinem haarigen Rücken die jungen Esel trägst, hast du mich vielleicht vergessen? Sag Platero, denkst Du noch an mich?
Und, als wollte er auf meine Frage antworten, flog wie eine Seele ein weisser Schmetterling, den ich vorher nicht gesehen hatte, immer wieder von Lilie zu Lilie.
Vielleicht versteht man am Ende, warum der Erzähler sich so lange Zeit in der Traurigkeit einrichten kann, weil er dabei zufrieden und vielleicht sogar – warum auch nicht - “glücklich“ existieren kann.
Der Mensch fragt wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst mich nur an? Das Tier will auch antworten und sagen: das kommt daher, dass ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte - da vergass es aber auch schon die Antwort und schwieg.
(…) Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheit vergessend, niederlassen kann…, der wird nie wissen, was Glück ist, und noch schlimmer: er wird nie etwas tun, was andere glücklich macht.
Friedrich Nietzsche