GIER - Das Stück
Ihr viertes Stück nach "Zerbombt " (Blasted), "Phaedras Liebe" (Phaedra's Love) und "Gesäubert" (Cleansed) schrieb sie unter dem Pseudonym Marie Kelvedon. "Gier", ein Text, der an T. S. Eliotts "Das wüste Land" erinnert, ist durchsetzt mit Zitaten, vom Buch Hiob über die Evangelien zu Shakespeare und Eliott selbst: Doch obwohl "Gier" immer wieder als lyrischer Text bezeichnet wird, als ein Gedicht für die Bühne, so ist er dennoch dramatisch. Hinter den einfachen, scheinbar nur formalen und sich wiederholenden Elementen, liegen Handlungsfragmente. Doch sie sind - wie bei Barkers Theater der Katastrophe" - nicht eindeutig konzipiert, niemals nur einer einzigen Interpretation zuzuordnen. Da zudem jegliches Handeln in die Sprache hineinverlegt ist, wird es - wie die Wörter selbst - vieldeutig: Die Sätze flimmern, die Farben changieren, die Bedeutungen kippen. Dennoch lassen sich Figuren, Verhältnisse, Geschehnisse und Veränderungen erkennen: Vier Personen, nur mit den Buchstaben A, B, C und M bezeichnet, stehen in einer vielfach sich überlagernden Beziehung. Sie sprechen jeder für sich, aneinander vorbei und stehen doch in einem "Verhängnis" zueinander, haben gemeinsame (Liebes- ) Geschichten und sind doch auch getrennt. Sie werden gegenseitig zu Befragern, nehmen Rollen für einander an, sind multiple Persönlichkeiten und stellenweise sogar die vier Aspekte ein und derselben Person. Die Rezeptionsgeschichte hat "Gier" einseitig als ein Stück über Emotionen, über das Scheitern aller Beziehungen und das "lrrewerden" beschrieben. Doch Gier ist existentieller: Die Liebe als christliche Erlösung von den Uebeln der Welt wird unter Menschen zur Gewalt und Vergewaltigung zu Macht und seinem Missbrauch, von dem einzig noch der Tod erlösen kaum: Er "der einziehen will" gibt allein Leben, allerdings um den Preis, dass es zugleich endet. "Gier," ist das Drama des scheinbar unauflösbaren Widerspruchs: Sarah Kane hat ihren Text durchsetzt mit den Paradoxa, die uns gefangenhalten, die wir uns selber und anderen wie Fallen stellen, in die wir unweigerlich tappen. Die uns festhalten - GEH / KOMM ZURÜCK / BLEIB - und aus denen es kein Entrinnen gibt - IMMER NOCH HIER.
Christian Haller