Traumbilder hoch oben in der Uni-Kuppel
Mit dem seltsam schwebenden, albträumerischen Königskinderdrama «Prinzessin Maleine» des Symbolisten Maurice Maeterlinck stellt sich das neu gegründete «Berner Studentinnentheater» der Öffentlichkeit vor.
Hoch oben, in der faszinierend ausgebauten Kuppel des Berner Universitäts- Hauptgebäudes schwebt dieser Tage ein Theaterstück. Über allem irdischen Bildungstreiben auf den unteren Etagen des Hauses, abgehoben von den Drohungen des Numerus Clausus und der Akademikerarbeitslosigkeit ist die geheimnisvolle Ruh' des symbolischen Märchenstücks "Prinzessin Maleine" des Belgiers Maurice Maeterlinck (1862-1949).
Der erzählt von armen Königen, die Krieg führen müssen gegeneinander, von armen Königskindern, die nicht zueinander kommen können, und von armen Patriarchen, die sich der intriganten Frauen kaum erwehren können. Dass die Truppe des neugegründeten «Berner Studentlnnentheaters» (BeST) dieses Stück für ihre erste Premiere auswählte, das ist ein Entscheid, über den man innerhalb und ausserhalb der Uni geteilter Meinung sein dürfte.
Stück am Rand der Sprache
Maeterlinek hat den Märchenstoff von Shakespeareschen Ausmassen 1889 als eigentliches Antistück aufgezogen. Die ohne klare Akteinteilung äneinandergereihten Kurzszenen hinken der Handlung immer einen Schritt hintennach. Nicht die fürchterlichen Hauptereignisse wie Schlachten, Bankette oder Hochzeiten, sondern ihr Nachhall am Tag danach, dann wenn es zu spät ist, erscheinen auf der Bühne. Die auftretenden Menschen reagieren hilflos und reden vergebens. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist das Verstummen, sie verfehlen sich und gleiten aneinander vorbei in den Abgrund. Maeterlinck schildert so im Gegensatz zu Shakespare kein Auffliegen und Scheitern menschlicher Hoffnungen, kaum psychologische und kaum soziale Konflikte. Er schafft ein auswegloses Szenariurn puppenhafter Figuren und untergangsschwangerer Zeichen. Die Inszenierung solch eines Stücks rnuss der Stille Zeit und den Andeutungen Raum lassen.
Zu wenig Zeit für Stille
Und das tut die Berner Inszenierung von Christian Probst nicht immer. Zu schnell reden die Spielenden oft weiter, lassen die Sprache kaum richtig verhallen und verstummen. Durch unklare Artikulation und Mimik verleihen sie den raunenden Worten des Textes auch zu wenig Eindringlichkeit und Abgründigkeit. Und als das Stück in einem Blutbad das schlechteste aller möglichen Enden nimmt, kippt das Spiel einiger Figuren in Komik, statt dass sie im grotesken Wahnsinn versinken würden.
Probst gelang es aber, aus dem grossen Szenenreigen Maeterlincks eine gekürzte Spielfassung zu erarbeiten und derart mit einer gespenstisch gleitenden Choreographie umzusetzen, dass einen das atmosphärische und aktionslose Werk bis am Schluss nicht loslässt.
Nachtschwarze Bühne
Für die noch nicht immer sattelfesten Laienschauspielerinnen und -schauspieler schufen Bühnenbildnerin Silvia Burgermeister, Kostümschneiderin Iris Ruprecht und Beleuchter Attila Boa eine schwarzblaue, karge Bühne, die für das geheimnisvolle Stück ein ideales Ambiente abgibt. Kahle Wände, knappe Möblierungen, halbdunkle Lichtkegel deuten an, lassen doch offen und geben dem Geschehen eine abgründige Tiefe. Bühnenmusik und Geräusche von Christian Gerber und Vinz Miescher sind dauernd am Kippen in die Atonalität und fangen so die schwankende Atmosphäre des Stücks genau ein.
Stefan von Bergen
Weitere Aufführungen in der Kuppel des Uni-Hauptgebäudes: 13.,14. und 18.-21.November jeweils um 20Uhr.
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