THEATER ELCH
Ein tierisch trauriges Theaterstück
Eigenwillig: Das Theater Elch inszeniert im Kutschenbetrieb Bern «Platero und Ich» von Juan Ramón Jiménez.
Er ist silbergrau, «aus Stahl und Mondsilber zugleich», hat wattige Haut, einen dunklen Schopf und lange Ohren, «spitz wie zwei Agavenblätter»: Platero, der Esel. Geduldig steht er da, im Licht der Scheinwerfer, und rupft gemütlich an einem Heubündel, während sein Besitzer der Schwermut freien Lauf lässt. «Platero, ich bin traurig», sagt der Mann im blauen Mantel und beginnt zu erzählen: Von seinem «Freund Langohr» und von den Menschen im Hafenstädtchen Moguer, das sie gemeinsam durchstreiften, immer wieder, an «hellen Herbstnachmittagen» und in der «flimmernden Süsse des brodelnden Sommers».
Wehmütiger Ton
Üppige Sprachbilder, wehmütiger Ton: Eine «andalusische Elegie» nannte Juan Ramón Jiménez (1881-1958) sein berühmtes Werk «Platero und ich». In 138 Prosagedichten beschwört der spanische Autor und Literatur-Nobelpreisträger darin die Erinnerung an seine Heimatstadt und verschränkt sie mit der Geschichte zweier Gestalten, die sich treu bleiben, bis in den Tod.
Wie bringt man diese Prosadichtung auf die Bühne? Die Berner Theatergruppe Elch, bekannt für ihre ausgefallenen Spielorte, hat sich wieder was Besonderes ausgedacht: Regisseur Michael Oberer und sein Team holen das Werk von Andalusien in eine Scheune des Berner Kutschenbetriebs und stellen einen echten Esel auf die «Bühne». Resultat ist eine feine, sehr stimmungsvolle Inszenierung, die sich gut in die eigenwillige Lokalität einfügt.
Im Licht der Scheinwerfer tanzen die Mücken, ein herber, leicht modriger Geruch liegt in der Luft. Hinten an der Wand steht ein staubiger Spiegelschrank, mitten im Raum ein Tisch, überfüllt mit alten Büchern, Bürsten und Lederriemen. In der Ecke sind ein Sattel, ein Sessel und ein hölzernes Schaukelpferd zu sehen.
Während Platero, der Esel, fressend sein Hinterteil präsentiert, blickt sein Freund ins Publikum und beginnt mit einem langen Monolog. Es sind skurrile Geschichten, die der Mann erzählt. Sie handeln von sonderbaren Gestalten wie Darbon, dem zahnlosen, zwei Zentner schweren Tierarzt. Von Prozessionen und Volksfesten, die den Alltag im Städtchen versüssten. Vom Fluss, den Kupfermine vergifteten. Aber auch (und immer wieder): Vom Sterben und Begrabenwerden. Für jede Episode sucht sich der Erzähler einen neuen Platz in der Scheune, setzt sich auf das Schaukelpferd, steigt auf eine Leiter oder stellt sich neben seinen Freund Platero und fährt ihm liebevoll übers Fell.
Düstere Akkordfolge
Der Berner Schauspieler Alexander Muheim erweist sich als souveräner Erzähler, der es versteht es, seine Worte mit dezenten Gesten zu untermalen. Allerdings: Muheims Monolog wäre nur halb so wirkungsvoll ohne die Klänge, die der Bündner Musiker Wädy Gysi von der Heubühne in die Scheune schickt. Gysis Gitarre gibt den «Grundton» an, mit düsteren Akkordfolgen, die sich stets von Neuem wiederholen. Sie illustriert und kommentiert aber auch eindrücklich die Worte des Erzählers.
Wenig überzeugend wirken hingegen die Kurzauftritte von Schauspieler Mike Reber. Immer dann, wenn der Mann laut spuckt, gähnt oder lacht, denkt man sich im Stillen: Er würde gut daran tun, sich den stoisch schweigenden Esel als Vorbild zu nehmen.Oliver Meier
Weitere Vorstellungen: Bis 21. Mai, jeweils um 21 Uhr im Kutschenbetrieb Bern.
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