theaterelch

Christian Probst

Bern, Schweiz
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Berner Zeitung - 6.1995

Horvath in Alter Anatomie

Oedon von Horvaths vielgelesener Roman «Jugend ohne Gott» ist vom Berner Studententheater so bearbeitet worden, dass sich für den Spielort, den Vorlesungssaal in der Alten Anatomie, eine ungewöhnliche Aufführung ergibt.

Das Spiel beginnt schon im Eingangsbereich. An einem altmodischen Tisch - er dürfte aus der Lebenszeit Oedon von Horvaths stammen - korrigiert der Lehrer Aufsätze. Neugierige Zuschauer, die ihm über die Schulter gucken, stellen leicht fest, dass es da um die Kolonien in Afrika geht, und um die Neger.

Rassismus und Nationalismus

Drinnen dann, in der Schulstube, führen die Neger zu den Themen Rassismus und Nationalismus. Der Erste Weltkrieg macht auch vor den Jugendlichen nicht halt. Gesichtslos sind sie bisweilen, wie Fische, und in den Händen der militärischhen Ausbildner so manipulierbar wie die von ihnen verachteten Neger. Mit seinem distanzierten Gerechtigkeitssinn und Philanthropismus erscheint umgekehrt auch der Lehrer den Schülern als Fisch und als Neger.

Doch nicht Horvaths Gesellschafts- und Zivilisationskritik, auch nicht der eingebaute Fall von Liebe und Mord unter Jugendlichen, macht bei der BeST-Aufführung Eindruck, sondern die Umsetzung im gewählten Theaterraum, im denkmalgeschützten Theatrum Anatomicum aus dem Jahr 1897.

Christian Probst hat Horvaths Roman bearbeitet, hat ihn zusätzlich mit Fragmenten aus andern Texten ergänzt, zum Teil inhaltlich passend, zum Teil klamaukhaft verfrermdend. Von Jörg Schneiders Kasperli-Afrikade profitiert Horvath kaum, und auch die kabarettistische Anatomie-Vorlesung fällt, trotz des klaren Bezugs zum Spielort, aus dem Rahmen.

Regie im Hörsaal

Gelungen hingegen ist die Regie dort, wo sie die Spielmöglichkeiten des Anatomie-Hörsaals nutzt, dem ganzen Raum und einzelnen Teilen Sinn gibt. Da wird nachvollziehbar, wie das ganze Ensemble die Aufführung an diesem bestimmten Ort erarbeitet hat, eine Erfahrung, die durch die Inszenierung dem Publikurn erfolgreich weitergegeben wird.

Urs Dürmüller

"Jugend ohne Gott" im Theatrum Anatomicum, Anatornisches Institut der Universität Bern, Bühlstrasse 26. Weitere Vorstellungen: 3., 6., 7., 8., 10. Juni [1995], jeweils 20 Uhr.


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