Könnten schon bald Schafe auf den Friedhöfen weiden?
Gemeinschaftsgräber liegen im Trend. Dies führt dazu, dass auf den Friedhöfen mehr Freiraum entsteht. Was macht man damit? Eine Studie der Stadt Bern versucht, darauf Antworten zu finden.
«Friedhöfe
zum Flanieren oder zum Trauern?» Dies war das Thema an der
gestrigen Medienkonferenz im Bremgartenfriedhof. Das ergab weitere
Fragen: «Weidende Schafe, die als Stück Natur auf dem
Friedhof herumwandern?» Oder: «Von Zeit zu Zeit einen
kulturellen Anlass, ein Theaterstück?» Oder: «Friedhof
als Picknickstätte?» Alles Annahmen, wie man Friedhöfe
auch noch nutzen könnte.
Gräber
früher und heute Wieso solche Fragen überhaupt
gestellt werden, hat seine Gründe: In den letzten Jahren
kristallisierte sich bei den Bestattungen eine neue Vorliebe
heraus. So wird mittlerweile jeder zweite Verstorbene nicht mehr
in einem Einzelgrab mit Denkmal, sondern in einem
Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Und jeder dritte Name wird nicht
mehr eingraviert.
Wieso dieser Trend? Einerseits möchten
viele Menschen unterdessen tatsächlich lieber in Gemeinschaft
ruhen. Andererseits wollen die Verstorbenen ihre zurückgebliebenen
Angehörigen nicht in unnötige Kosten stürzen.
Interessant an diesem Trend ist, dass er zurück zum
Ursprung der Geschichte der Friedhöfe führt. Denn die
ersten Friedhöfe waren gemeinschaftliche, ungeschmückte
Totenäcker. Erst mit dem Aufkommen des Bürgertums
entstand das Verlangen nach individuellen Denkmälern für
Verstorbene, die schliesslich zur Selbstverständlichkeit
wurden. «Das 19. Jahrhundert war die grosse Zeit der
Friedhöfe», sagt Walter Kretz, Steinbildhauer und
Dozent an der Hochschule der Künste Bern. Jetzt geht der
Trend wieder rückwärts - zurück zu den Totenäckern.
Die Standorte der Friedhöfe ist ein weiterer Grund,
wieso sich die Stadt mit diesen Fragen auseinander setzt. Als die
Friedhöfe entstanden, wurden sie bewusst ausserhalb - am
Rande der Stadt - platziert. Aber über die Jahre sind sie nun
in die Zentren «gerutscht» und zu den grössten
grünen Freiflächen geworden. «Sehr viele Menschen
kommen heute nicht mehr auf den Friedhof, um ein Grab zu
besuchen», sagt Walter Kretz, «sondern um zu
spazieren. » Das hat die Umfrage des Forschungsprojekts
«Sepulkraldesign», an dem die Hochschule der Künste
Bern und die Direktion für Hochbau, Stadtgrün und
Energie (HSE) beteiligt waren, ergeben. Von 363 befragten
Friedhofsbesuchern und -besucherinnen sind nur 57 Prozent
eigentliche Grabbesucher. Viele nutzen dagegen die Friedhöfe
als Erholungsraum.
Die Studie wurde lanciert, um die
aktuelle Raumnutzungsdebatte zu Friedhöfen auf eine
empirische Grundlage zu stellen.
Oder
doch keine Schafe Bei der Befragung hat sich ausserdem
herausgestellt, dass die Idee, den Friedhof als Picknickstätte
zu nutzen, weniger gut ankommt. Auch herumrennende, spielende
Kinder sind nicht erwünscht. «Aber kulturelle Anlässe
scheinen für viele Besucher durchaus vorstellbar zu sein»,
so Kretz. Wobei es vorwiegend jene sind, die den Friedhof als
Erholungsraum nutzen. Die Grabbesucher hätten sich dazu eher
ablehnend geäussert.
Grundsätzlich kann man aus
der Studie schliessen, dass alles, was die Ruhe zu sehr bedroht
und stört, abgelehnt wird. «Dass ein Friedhof für
die Besinnung und Einkehr da ist», sagte Gemeinderat Adrian
Guggisberg, «ist mir sehr wichtig. » Die Idee mit den
weidenden Schafen ging dem CVP-Politiker dann doch etwas zu weit.
Das Projekt soll nun weitergeführt werden, dafür
suche man jetzt nach Partnern, so Kretz. Und die Stadt, sagte
Guggisberg, unterstütze es weiterhin.
«Die
Friedhöfe sollte man auch öffnen, damit sich die Leute
mehr mit dem Tod auseinander setzen», fügte
Stadtgärtner René Haefeli an. Der Tod werde nämlich
aus Angst zu sehr aus dem Alltag verdrängt.
Camilla Landbø 28.11.2003
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