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Christian Probst

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Berner Zeitung - 28. November 2003

Könnten schon bald Schafe auf den Friedhöfen weiden?

Gemeinschaftsgräber liegen im Trend. Dies führt dazu, dass auf den Friedhöfen mehr Freiraum entsteht. Was macht man damit? Eine Studie der Stadt Bern versucht, darauf Antworten zu finden.

«Friedhöfe zum Flanieren oder zum Trauern?» Dies war das Thema an der gestrigen Medienkonferenz im Bremgartenfriedhof. Das ergab weitere Fragen: «Weidende Schafe, die als Stück Natur auf dem Friedhof herumwandern?» Oder: «Von Zeit zu Zeit einen kulturellen Anlass, ein Theaterstück?» Oder: «Friedhof als Picknickstätte?» Alles Annahmen, wie man Friedhöfe auch noch nutzen könnte.

Gräber früher und heute
Wieso solche Fragen überhaupt gestellt werden, hat seine Gründe: In den letzten Jahren kristallisierte sich bei den Bestattungen eine neue Vorliebe heraus. So wird mittlerweile jeder zweite Verstorbene nicht mehr in einem Einzelgrab mit Denkmal, sondern in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Und jeder dritte Name wird nicht mehr eingraviert.

Wieso dieser Trend? Einerseits möchten viele Menschen unterdessen tatsächlich lieber in Gemeinschaft ruhen. Andererseits wollen die Verstorbenen ihre zurückgebliebenen Angehörigen nicht in unnötige Kosten stürzen.

Interessant an diesem Trend ist, dass er zurück zum Ursprung der Geschichte der Friedhöfe führt. Denn die ersten Friedhöfe waren gemeinschaftliche, ungeschmückte Totenäcker. Erst mit dem Aufkommen des Bürgertums entstand das Verlangen nach individuellen Denkmälern für Verstorbene, die schliesslich zur Selbstverständlichkeit wurden. «Das 19. Jahrhundert war die grosse Zeit der Friedhöfe», sagt Walter Kretz, Steinbildhauer und Dozent an der Hochschule der Künste Bern. Jetzt geht der Trend wieder rückwärts - zurück zu den Totenäckern.

Die Standorte der Friedhöfe ist ein weiterer Grund, wieso sich die Stadt mit diesen Fragen auseinander setzt. Als die Friedhöfe entstanden, wurden sie bewusst ausserhalb - am Rande der Stadt - platziert. Aber über die Jahre sind sie nun in die Zentren «gerutscht» und zu den grössten grünen Freiflächen geworden. «Sehr viele Menschen kommen heute nicht mehr auf den Friedhof, um ein Grab zu besuchen», sagt Walter Kretz, «sondern um zu spazieren. » Das hat die Umfrage des Forschungsprojekts «Sepulkraldesign», an dem die Hochschule der Künste Bern und die Direktion für Hochbau, Stadtgrün und Energie (HSE) beteiligt waren, ergeben. Von 363 befragten Friedhofsbesuchern und -besucherinnen sind nur 57 Prozent eigentliche Grabbesucher. Viele nutzen dagegen die Friedhöfe als Erholungsraum.

Die Studie wurde lanciert, um die aktuelle Raumnutzungsdebatte zu Friedhöfen auf eine empirische Grundlage zu stellen.

Oder doch keine Schafe
Bei der Befragung hat sich ausserdem herausgestellt, dass die Idee, den Friedhof als Picknickstätte zu nutzen, weniger gut ankommt. Auch herumrennende, spielende Kinder sind nicht erwünscht. «Aber kulturelle Anlässe scheinen für viele Besucher durchaus vorstellbar zu sein», so Kretz. Wobei es vorwiegend jene sind, die den Friedhof als Erholungsraum nutzen. Die Grabbesucher hätten sich dazu eher ablehnend geäussert.

Grundsätzlich kann man aus der Studie schliessen, dass alles, was die Ruhe zu sehr bedroht und stört, abgelehnt wird. «Dass ein Friedhof für die Besinnung und Einkehr da ist», sagte Gemeinderat Adrian Guggisberg, «ist mir sehr wichtig. » Die Idee mit den weidenden Schafen ging dem CVP-Politiker dann doch etwas zu weit.

Das Projekt soll nun weitergeführt werden, dafür suche man jetzt nach Partnern, so Kretz. Und die Stadt, sagte Guggisberg, unterstütze es weiterhin.

«Die Friedhöfe sollte man auch öffnen, damit sich die Leute mehr mit dem Tod auseinander setzen», fügte Stadtgärtner René Haefeli an. Der Tod werde nämlich aus Angst zu sehr aus dem Alltag verdrängt.

Camilla Landbø   28.11.2003


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