«Keiner überlebt das Leben»
THEATER / Das theater elch zeigt im Berner Münster «Gier» der jung verstorbenen Britin Sarah Kane. Regisseur Michael Oberers fast statische, hörspielartige Inszenierung bringt den stillen und verzweifelten Text zum Tragen.
SANDRA LEIS
Für einmal predigt im Berner Münster nicht die Pfarrerin oder der Pfarrer, sondern es sprechen vier Personen - A, B, C und M -, die in der vierten Bankreihe sitzen. Die zwei Frauen und zwei Männer zweier Generationen stossen in rasantem Stakkato biblisch durchtränkte Erinnerungsfetzen und Zukunftsängste hervor und benennen in beckettscher Manier menschliche Abgründe mit eindringlicher, bisweilen gnadenloser Beobachtung.
Die vier Personen schauen einander nie an, sondern starren ins Publikum, das im Chor sitzt. Gelegentliche kurze Dialoge kommen zustande, öfter monologisiert jeder für sich oder zeitgleich mit einem andern, oder die vier Stimmen verkeilen sich zu Bruchstücken der Verzweiflung einer einzigen Figur. Bis weit hinten im Kirchenschiff einer stumm zwei Stäbe aneinander schlägt, Schauspieler und Zuschauer erschreckt und zur Ruhe oder mindestens zum Einhalten gemahnt.
Gebrochener Widerstand
«Wer zum Reisen wirklich entschlossen ist, lässt sich nicht aufhalten», hat der «Spiegel» im März 1999 zum Selbstmord der jungen britischen Dramatikerin Sarah Kane geschrieben. Als skandalumwehter Shootingstar der europäischen Theaterwelt wurde sie kurz nach ihrem 28. Geburtstag mit einer Überdosis Schlafmittel in eine Londoner Klinik eingeliefert und hat sich dann dort erhängt. Sarah Kanes Widerstandskraft gegen die Unzumutbarkeiten des Lebens war gebrochen; von einem «qualvollen Kreislauf von Depression, Selbsthass und Klinikaufenthalt» sprach ihr gelegentlicher Arbeitspartner Mark Ravenhill («Shoppen & Ficken»). In ihrem letzten, im August 1998 in Edinburgh uraufgeführten Stück «Crave» («Gier») lässt Sarah Kane den älteren Mann, die Figur A, sagen: «Der Tod ist mein Liebhaber, und er will bei mir einziehen.» Und als es am Ende des Stücks, nach einer guten Stunde Spielzeit, dann endlich so weit ist, sprechen die vier Personen: «In freiem Fall/Ins Licht/Gleissendes weisses Licht/Welt ohne Ende/Du bist tot für mich/ Herrlich. Herrlich./Und soll auf ewig sein/Glücklich/So glücklich/Glücklich und frei.» Der Tod als Erlösung - diese im Grunde barocke Haltung hat Kane beibehalten, obwohl sie sich, sehr religiös erzogen, als 17-Jährige vom christlichen Glauben distanziert hat. «Das Leben überlebt keiner», heisst es in «Gier», und Kane weiss um diese Wahrheit nur allzu gut, denn Gewalt, Inzest, unerfüllter Kinderwunsch, quälende Erinnerung, Angst vor dem Alter, Schuld und die ständige Sehnsucht nach der unbedingten Liebe, unterlegt von der gleichzeitigen Behauptung, dass es sie nicht gebe, hält auf Dauer niemand aus. Anders als Sebastian Nübling bei der Schweizer Erstaufführung vor gut einem Jahr auf der Kleinen Bühne des Theaters Basel setzen das theater elch und Michael Oberer nicht auf schweisstreibende Akrobatikübungen, sondern auf eine nahezu statische Inszenierung ohne Requisiten. Oberer bringt die Wortpartitur als eine Art Hörspiel für vier Stimmen ins Berner Münster und macht durch die Wahl des Aufführungsortes gleichwohl Theater. Denn bereits der Einfall, die vier Schauspieler Andreas Debatin, Thomas U. Hostettler, Sonja Gertsch und Patricia Bornhauser in eine Kirchenbank zu setzen, signalisiert dem Publikum, dass in diesem Stück existenzielle Menschheitsfragen frontal zur Sprache kommen.
Weitere Aufführungen im Münster:
17.-21. und 24.-28. Oktober, 20.30 Uhr. Reservation in der Münstergass-Buchhandlung: (031) 3102323.
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