theaterelch

Christian Probst

Bern, Schweiz
Kontakt: info@theaterelch.ch
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Der «Bund» - 13. Mai 2006

Theater im Stall

Das Theater Elch zeigt im Kutschenbetrieb «Platero und ich. Die Geschichte des legendärsten Esels Spaniens»

Spinnweben hängen von der Decke. Es riecht nach Mist. Der Staub des Strohs kitzelt in der Nase. Geräte liegen herum, ein Sattel, Bretter, ein Schrank mit trüber Spiegeltür. Auf einem Tisch stapeln sich Fotoalben, Reste einer Baguette, eine Plastikmadonna. Das dramatische Potenzial des rustikalen Spielorts ist enorm.

Der Stoff des Abends kommt nicht von Gotthelf, sondern vom spanischen Autor und Nobelpreisträger Juan Ramón Jiménez (1881–1958). Seine andalusische Elegie «Platero und ich» (1914) erzählt in 138 Episoden von einem einsamen Mann und seinem silbergrauen Esel Platero. Die Erzählung führt durch die Jahreszeiten in einem andalusischen Dorf, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Sie erzählt vom Tod eines Mädchens, Vorbereitungen zur Corrida, Frauen in Flamenco-Kleidern, singenden Arbeitern, Witwen in kühlen Hauseingängen.

1960 vertonte der italienische Komponist Mario Castelnuovo-Tedesco 28 Szenen aus Jiménez’ Werk für Sprecher und Gitarre. Nun hat Michael Oberer die melancholischen Fragmente als Theater-Elch-Produktion inszeniert. Der graue Protagonist tritt höchst persönlich auf: Charlie von den Kutschereibetrieben Bern erlebt seine «five minutes of fame». Frisch gestriegelt nimmt er das Publikum sofort für sich ein. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er nach fünf Minuten mit einer dezidierten Bewegung des linken Hinterbeins eine Holzbank umstösst und Zuschauern und monologisierendem Schauspieler (Alexander Muheim) für den Rest des Abends sein Hinterteil zuwendet.

Star des Abends ist der Esel

Die Faszination des Abends geht eindeutig vom Esel aus. Stunden möchte man allein dem Spiel der Ohren zuschauen. Auf alles reagiert er, aber durch nichts lässt er sich aus der Fassung bringen. Der Schauspieler kann dramatisch deklamieren und der Gitarrist (Wädi Gysi) dynamisch spielen, Charlie zeigt wenig Interesse für seinen literarischen Kollegen. Aber Esel und Scheune reichen nicht aus für eine überzeugende Inszenierung – vor allem, wenn wie bei Oberer zwischen Tier und Sprecher keine lebendige Beziehung aufgebaut wird. Der Schauspieler in Samtrock und Halskrause spricht, den starren Blick einige Zentimeter über den Köpfen der Zuschauer, verhaspelt sich ein paar Mal, tätschelt wenig begeistert den Kopf des Esels.

Von der innigen Beziehung, die der Text beschreibt, ist nichts zu spüren. Auch zum spuckenden, Ave Maria betenden Knecht (Mik Reber) – oder ist er Tierarzt? –, der ab und zu zur sichtlichen Freude des Esels auftaucht, besteht keine Verbindung. Eine potenziell kraftvolle Figur wird verschenkt. Der poetisch-kontemplative Text wird von schönen Live-Gitarrepassagen und einem einschläfernden synthetischen Soundtrack unterlegt. Dabei wäre die Stille am schönsten, in der man das Schnauben aus den Ställen hört, das Rauschen in einer Leitung, das Pfeifen der Vögel draussen. Da wird etwas spürbar von den Stimmungen des Textes. Und siehe da: Da hört auch der Esel kurz zu essen auf und spitzt die Ohren.

[i] Weitere Vorstellungen: 13., 14. und 16. bis 21. Mai, 21 Uhr. Vorverkauf: Tel. 031 357 37 99. Der Kutschenbetrieb befindet sich zwischen den Bern-Mobil-Haltestellen Ostring (5) und Schosshalde (12).

(svb)

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