Kranke Hirne, kalte Hände
Collage aus dem Ungeist des Kapitalismus. Theater Elch zeigt «Habgier» in Worb
Es ist laut geworden hier. Sehr laut. Dabei hat alles ganz verhalten angefangen in dieser Werkhalle: Drei Herren, schwarze Hosen, weisses Hemd, beginnen eine Plauderei über die Welt und wie sie am besten einzurichten sei. Vom Markt ist viel die Rede, von Eigenverantwortung und Naturgesetzlichkeit. Seltsame Sätze fallen: dass «ein Normalmass an Elend grundsätzlich zu akzeptieren» sei. Dass es ein Irrtum sei zu glauben, ein jeder könne mit seiner Arbeit seine Existenz bestreiten. Und: «Die bürgerliche Regierung ist zur Verteidigung der Reichen gegen die Armen oder derjenigen, die das Eigentum besitzen, gegen die, die gar nichts besitzen, eingesetzt.»
Der Satz stammt von Adam Smith, 1723 1790, Begründer des wirtschaftlichen Liberalismus. Was die drei bereden, ist keine Erfindung eines Theaterdichters: Das ist die Realität aus vier Jahrhunderten Abendland. Die Idee hinter dem System. Das Geschnetzelte des Kapitalismus von Thomas Hobbes bis Margaret Thatcher, aufgeschichtet zu einem kolossalen Ungeheuer. «Habgier ein Universaltheater der Niedertracht»: So heisst die Zitatcollage, hergerichtet von Regisseur Michael Oberer mit Andreas Debatin, Thomas Hostettler und Alexander Muheim. Das ist Thesentheater mit viel Haltung und kaum Handlung ausser dem stetig wachsenden Eifer auf der Bühne, doch um nichts weniger frappant und fürchterlich: Hier wird ein Albtraum vorgeführt, der längst Wirklichkeit geworden ist; hier wird ein Gang getan in jene Hirne, die hinter den kalten Händen stehen. Heute. Und das müsste man nicht einmal betonen.
Tut man dann aber doch: mit einem Schlusskapitel aus der eigenen Küche. Das Problem ist nicht der Einsatz der Lärmfachleute von Herpes ö Deluxe, die zuvor schon eine Hölle entfachten mit ihren elektronischen und mechanischen Geräten als sinnfälliges Echo dieses Albtraums. Das Problem ist die Rocksongnummer, die jetzt folgt, zusammengebaut aus lauter simulierten Slogans: Wozu sollen die drei Herren jetzt noch wörtlich und deftig auf den Sozialstaat «scheissen»? Wozu sollen sie sich jetzt bekennen zu ihrem Glauben an «Synergien»? Plattes Kabarett, das der zuvor aufgetürmten Textskulptur die Spitze bricht. Doch jetzt ist im Kopf kein Platz für Fragen: Es wird laut hier. Sehr laut. (ddf)
Weitere Aufführungen: Heute und morgen, 20 Uhr, Metallgarten Worb.
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