theaterelch

Christian Probst

Bern, Schweiz
Kontakt: info@theaterelch.ch
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Der «Bund» - 29. Mai 2004

Theater mit offenem Schluss

Darf das Stück «Tod - Ackermann von Böhmen» nun auf dem Bremgartenfriedhof aufgeführt werden?

Viel Theater um ein Theater: Der Regierungsstatthalter entschied zwar Anfang Jahr, die Aufführung des besinnlichen Stücks auf dem Friedhof verletzte die Totenruhe nicht. Ob das Theater heuer aufgeführt werden kann, ist trotzdem noch nicht sicher.

Evelyne Reber-Mayr


Das Corpus Delicti ist ein Theaterstück. «Tod - Ackermann von Böhmen» heisst das Werk, ein Streit- und Trostgespräch, das Johannes von Tepl im Jahr 1400 geschrieben hat. Das Theater Elch will es im August auf dem Bremgartenfriedhof in Bern zwölf Mal aufführen \u2013 und geht davon aus, dass dies auch möglich sein wird. Die Daten sind jedenfalls schon festgelegt, Schauspieler, Musiker und Regisseur engagiert. Die Proben beginnen Ende Juni, sagt Theatermacher Christian Probst. Allein: Noch ist nicht klar, ob das Theater Elch von den Stadtbehörden die Bewilligung für die Aufführungen erhält \u2013 obwohl die nächsthöhere Instanz, der Regierungsstatthalter, schon vor drei Monaten entschieden hat, dass das besinnliche Stück die Totenruhe nicht verletzt.

Auslegung der Totenruhe

Doch der Reihe nach: Bereits 2003 wollte das Theater Elch den «Ackermann von Böhmen» auf dem Bremgartenfriedhof aufführen. Das Theaterprojekt wurde von städtischen, kantonalen und kirchlichen Stellen finanziell unterstützt. Die Stadtgärtnerei wollte den Theaterschaffenden gerne Gastrecht auf dem Friedhof gewähren. Doch das Vorhaben scheiterte am Nein des Polizeiinspektors und der Direktion für Öffentliche Sicherheit. Die Aufführungen störten die Totenruhe, lautete die Begründung für den ablehnenden Bescheid. Das Theater Elch legte daraufhin Verwaltungsbeschwerde beim Regierungsstatthalter ein. Und dieser stellte im vergangenen Februar die Weichen neu: Die städtische Behörde habe die Totenruhe zu Unrecht mit absoluter Totenstille gleichgesetzt, befand Alec von Graffenried. Zwar sei Theater in den allermeisten Fällen nicht mit dem Friedhofszweck vereinbar. Doch weil «Ackermann von Böhmen» geeignet sei, die Zuschauenden zu einer grundlegenden Reflexion über Leben und Tod, Trauer und Zuversicht anzuregen, dürfe es durchaus auf einem Friedhof aufgeführt werden.

Loch in der Kasse

Vor dieser Ausgangslage und mit der Gewissheit, es handle sich um eine reine Formsache, reichte Christian Probst kürzlich sein Gesuch, versehen mit den aktuellen Aufführungsdaten, erneut ein. Dies, obwohl das Theaterprojekt finanziell mittlerweile auf wackligen Beinen steht. Das letztjährige polizeiliche Verbot lastet auf der Kasse, weil Mitwirkende teilweise für ihren Arbeitsausfall entschädigt werden mussten \u2013 eine Finanzierungslücke von 20 000 Franken war entstanden. Doch laut Probst sind alle Beteiligten fest entschlossen, das Projekt, dessen Budget massiv hinuntergeschraubt werden musste, dennoch zu verwirklichen. Die Mitwirkenden stünden mit «viel Idealismus» hinter der Sache, seien bereit, zu «Hungerlöhnen» zu arbeiten. Auch eine allfällige Auflage, keinen Eintritt verlangen zu dürfen, würde sie nicht von der Durchführung des Vorhabens abbringen, sagt Probst.

Gemeinderätlicher Entscheid

Als neuer Stolperstein könnte sich jetzt aber ein gemeinderätlicher Grundsatzentscheid erweisen \u2013 der notabene gefällt worden war, bevor Probst das Gesuch erneut einreichte. In seiner Antwort auf eine Interpellation hält der Gemeinderat fest, dass er Veranstaltungen auf Friedhöfen ablehnt (siehe Kasten). Offen bleibt, ob sich Stadtgärtnerei und Polizeiinspektorat, die nun das Gesuch zu beurteilen haben, an diesem Grundsatzentscheid oder am Beschwerdeentscheid des Regierungsstatthalters orientieren werden.

[i] Geplante Aufführungen: 5. August (Premiere), 6., 9., 10., 11., 12., 13., 16., 17., 18., 19. und 20. August. www.theaterelch.ch

Alles bleibt, wie es ist

Die Berner Friedhöfe sind längst nicht mehr nur Orte zum Trauern. Für zahlreiche Besucherinnen und Besucher sind sie Oasen der Ruhe, sie spazieren durch die Anlagen, verweilen auf einer Bank. Diese Multifunktionalität der Friedhöfe wird geschätzt, und bezüglich der Dienstleistungen in den Friedhöfen herrscht eine hohe Kundenzufriedenheit, wie eine Befragung von 363 Friedhofbesucherinnen und -besuchern ergeben hat (der «Bund» berichtete). Die Umfrage zeigte aber auch, dass rund ein Drittel der befragten Personen eine Nutzungserweiterung der Friedhöfe befürwortete \u2013 etwa weidende Schafe oder bestimmte kulturelle Anlässe guthiesse. Sowohl Stadtgrün-Direktor Adrian Guggisberg wie auch Stadtgärtner René Haefeli liessen anlässlich der Präsentation der Studie im November 2003 durchblicken, dass sie einer sanften Öffnung der Friedhöfe in diese Richtung positiv gegenüber stehen.

Der Gesamtgemeinderat lehnt aber eine Nutzungserweiterung ab. Wie er in einer Antwort auf eine Interpellation der GFL/EVP festhält, sollen auch in Zukunft «nur ruhige Nutzungen im bisherigen Rahmen» zugelassen werden. Veranstaltungen auf den Friedhöfen lehnt er ab (siehe Haupttext). Der Gemeinderat habe das Thema «eingehend» diskutiert und insbesondere die Rücksicht auf die Trauernden gewichtet, sagt Guggisberg auf Anfrage. «Die Frage war auch, wo denn die Grenze gezogen werden soll.» Man bewege sich halt in einem heiklen Bereich und riskiere, den Rahmen einer würdigen Friedhofskultur zu verlassen. Darum habe der Gemeinderat ein konsequentes Nein zu Veranstaltungen beschlossen.

(may)

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