fünf fragen an
Michael Oberer
Regisseur, inszeniert
mit dem theater elch das Stück «Tod – Der Ackermann aus
Böhmen». Premiere: heute um 20.30 Uhr, Bremgartenfriedhof,
Besammlung: Endstation Bus 11.
Johannes von Tepls «Der Ackermann aus
Böhmen» ist ein Streitgespräch zwischen einem
Ackermann und dem Tod. Was bewegt einen modernen Menschen dazu,
diesen über 600-jährigen Text als Grundlage für ein
Stück zu wählen?
Das ist ganz einfach, erstens, weil es ein Text
ist über die Condition humaine, über die Sterblichkeit des
Menschen – also ein zeitloses Thema. Zweitens ist es die Reaktion
dieses einzelnen Menschen, die mich fasziniert: die Rebellion eines
Ackermanns, der sich nach dem Verlust seiner Frau gegen den Tod
auflehnt, ihn beschimpft und anklagt. Die Vorstellung eines
personifizierten Todes, wie er im «Ackermann» auftritt,
ist natürlich eine kindliche, aber auch eine, auf die sich auch
die Moderne noch immer bezieht. Der Text geht zudem über die
reine Tatsache des Sterbenmüssens hinaus und stellt
philosophische Grundfragen. Der Tod beispielsweise vertritt eine klar
stoische Position, wogegen sich der Ackermann wehrt.
Sind die Positionen der beiden Figuren denn
verständlich ohne philosophische Vorbildung?
Das Streitgespräch ist zwar durchaus eine
Auseinandersetzung von zwei Hochintellektuellen. Der Ackermann ist ja
eigentlich ein Schriftsteller, er sagt «die Feder ist mein
Pflug», und hat seinen Seneca und seinen Aristoteles gelesen.
Aber die Bilder und Ansichten sind allgemein verständlich.
Der Text scheint für eine Dramatisierung
auf den ersten Blick wenig geeignet. Erstens ist er
mittelhochdeutsch, zweitens stark strukturiert: Rede und Gegenrede
wechseln sich regelmässig ab. Wie haben Sie ihn bearbeitet?
Es gibt ein paar neuhochdeutsche Übersetzungen
davon. Ich habe daraus eine Fassung geschustert, die vom Duktus her
so nahe wie möglich am mittelalterlichen Original, aber trotzdem
verständlich ist. Ich wollte den Text bewusst sperrig und spröde
halten – wenn ich ihn in ein modernes Alltagsdeutsch übertrage,
verliert er seinen Reiz. Die Struktur ist tatsächlich nicht sehr
dramatisch, sie folgt den Regeln der mittelalterlichen Disputationen,
wie sie an den Universitäten dazumal geführt wurden. Dies
erforderte viel Arbeit mit den Schauspielern: Sie müssen die
langen Gedankenbögen tragen können, sie ausformen, sich die
Techniken aneignen, die man auch bei den Klassikern mit ihren langen
Monologen braucht.
Soll das Stück ein Memento mori sein?
Das Stück soll den Zuschauern einen Moment
des Innehaltens, der Meditation bieten und ihnen nicht Angst
einjagen. Natürlich ist der Tod ein Thema, mit dem man sich zu
wenig beschäftigt. Es geht aber im Stück nicht nur ums
Sterben, sondern vielmehr um eine Betrachtung dessen, worauf unser
Dasein hinausläuft.
Sie spielen das Stück auf dem
Bremgartenfriedhof, was im Vorfeld heftige Diskussionen auslöste.
Abgesehen davon: Hätte Theater nicht die Kraft, die intendierte
Wirkung auch anderswo auszulösen?
Das ist an sich schon so. Aber ich wollte den
«Ackermann von Böhmen» unbedingt auf dem
Bremgartenfriedhof spielen, auch nicht auf einem anderen Friedhof,
denn es ist ein so einmaliger Ort. Ich entdeckte ihn beim Spazieren
und spürte, dass dies ein Ort ist, der zur Vertiefung der Themen
beiträgt. Würden wir das Stück im Theater spielen,
hätten wir wohl völlig andere theatralische Formen wählen
müssen.
(reg)
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